Untertan
Man kann drei Ebenen des Romangeschehens identifizieren: zunächst - in der Tradition von Heinrich Manns "Untertan" - die Darstellung der Deformation, zwanghaften Selbstunterwerfung und letztlich physischen Zerstörung des Individuums Friederich Ostertag
durch überfordernde Eltern, rigide Erziehungsinstanzen, Gesellschaft und Beruf. Beschrieben wird Friederichs Leben, das von der Geburt bis zur ausweglosen Selbsttötung auf brutale Weise fremdbestimmt ist. Eng verbunden damit kritisiert der Roman in extremer satirischer Überspitzung moralische Defizite unserer modernen Gesellschaft (z.B. Karrierismus, Autoritätsgläubigkeit, Starkult, Täuschungsmechanismen, masochistische Selbstentäußerung und Entfremdung). Synchron zum persönlichen Verfall des Helden wird die Sprache zunehmend exzentrisch entfesselt, sie verselbstständigt sich und löst sich streckenweise fast von der inhaltlichen Ebene. Gerade in diesen Passagen zeigt sich Joachim Zelters sprachliche Virtuosität besonders deutlich. Während aber Heinrich Mann die moralische Verkommenheit seines Diederich Hessling nicht nur kritisiert, sondern sie auf höchst amüsante Weise bloßstellt und der Lächerlichkeit preisgibt, dominieren bei Zelter zunehmend Melancholie und Tristesse. Beides dürfte dazu beitragen, dass der Roman nur bei einem literarisch interessierten Publikum Anklang finden wird.
Untertan
Joachim Zelter
Klöpfer & Meyer (2012)
211 S.
fest geb.