Am Meerschwein übt das Kind den Tod
Die Autorin, Tochter des berühmten Literaten Eugen Gomringer und der promovierten Germanistin Nortrud Gomringer, geht auf Spurensuche, um über ihre Mutter erzählen zu können. Vier Jahre nach deren Tod schreibt die Autorin ihr "hinterher als vermissende
Tochter, als wütende Frau, als verstummte Dichterin". Es ist das Herantasten an das Wesen einer starken, lebensklugen, emanzipierten und doch auch verletzlichen, emotional erpressbaren Frau, und das Erzählen über die Mutter, um aus ihr eine Erzählte zu machen. Zugleich ist es auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie und einer komplexen Familiensituation: die Kinder aus den früheren Ehen der Eltern, der große Altersunterschied zwischen den Halbgeschwistern, die Affären des Vaters und die Ehekrisen. Über allem steht die Frage, ob man überhaupt von den Toten reden und ihre Versäumnisse zu Lebzeiten nennen darf. Mit feinem Gespür für Befindlichkeiten und Spannungen, für Stimmungen und Verstimmungen, für Zwischentöne und für Unausgesprochenes schreibt eine Tochter über Verlust und Trauer, über Spuren und Erinnerungen. Immer wieder streut sie dazu Versatzstücke aus der katholisch-liturgischen Sprache oder Anklänge an die Bibel ein. Ein tiefes, nachdenkliches, poetisches und uneingeschränkt empfehlenswertes Buch!
Gertrud Plennert
rezensiert für den Borromäusverein.
Am Meerschwein übt das Kind den Tod
Nora Gomringer
Verlag Voland & Quist GmbH (2025)
207 Seiten
fest geb.