Was ist bloß mit Anne los?
Anne ist nicht begeistert, dass sie aufstehen soll; dass Papa ihr beim Frühstück einen Kuss gibt, ist wiederum toll - und so geht es weiter: Freude, Frust, Ärger, Angst, Feindschaft, Freundschaft, Geborgenheit wechseln sich ab und machen den Tag
eines Vorschulkindes zu einer dicht gefüllten Zeitspanne. Der Text erzählt in ruhigem Ton und kommentiert die inneren Regungen nicht. Dies macht vielmehr eine "zweite Anne", im Miniformat und lediglich skizziert ins Bild gesetzt, die durch ausdrucksstarke Mimik und Gestik die wahren Gefühle des Mädchens visualisiert. Z.B. sieht man, wie Anne sich ängstlich hinter der Freundin versteckt, während ihr "zweites" Ich den prügelnden Jungs wütende Blitze hinterherschickt. Meist ist sie bei positivem Erleben mit sich selbst im Einklang; bei Ärger, Frust usw. sind offenbar "zwei Seelen" in ihrer Brust. Die Botschaft, die auf den doppelseitigen Illustrationen sehr konzentriert, reduziert und weitgehend ohne gegenständlichen Hintergrund vor gefärbten Farbflächen dargeboten wird, könnte lauten, dass es verschiedene, auch unangenehme, Gefühlszustände gibt, die ihre Berechtigung haben und dass das Verhalten nicht unbedingt das Empfinden spiegelt. - Das für alle Bestände sehr zu empfehlende Bilderbuch bietet hervorragende Möglichkeiten, Kinder ab 4 Jahren zu genauer Wahrnehmung anzuregen und mit ihnen über Gefühle ins Gespräch zu kommen.
Birgit Karnbach
rezensiert für den Borromäusverein.
Was ist bloß mit Anne los?
Manfred Mai ; Marion Goedelt
Tulipan-Verl. (2012)
[14] Bl. : überw. Ill. (farb.)
fest geb.
Borromäus-Altersempfehlung: ab 4