Sein Glück verdienen
Burkhard Spinnen hat Theodor Fontanes Berliner Romane (Die Poggenpuhls, Effi Briest, Cécile, Stine, Irrungen und Wirrungen, Frau Jenny Treibel, L'Adultera und Mathilde Möhring) neu gelesen und sie als herausragende Beispiele für "scheinbar schlichtes,
nichtexperimentelles Erzählen" entdeckt, die sehr viel Sympathie und Verständnis für ihre Nicht-Helden aufbringen und die man auch "gänzlich ohne Kostüm", d.h. des 19. Jh. und des Wilhelminismus entkleidet, lesen kann, also ohne ihre Entstehungszeit und deren Verhältnisse zur Interpretation (wie normalerweise im Schulunterricht) heranzuziehen. Fontanes Romane erzählen - nach Spinnens Beobachtung - vielmehr alle davon, wie Menschen auf die Herausforderung reagieren, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Er weist an Fontanes Frauenfiguren im Einzelnen auf, wie sie in ihren Beziehungen zu den Männern als den Repräsentanten des herrschenden Systems als selbstbestimmte Persönlichkeiten reagieren. Man wird nach Spinnens Texten manche Geschichte aus Fontanes Universum anders lesen müssen. Große, ausdrucksstarke (meist schwarz-weiße) Fotos von Lorenz Kienzle, die im heutigen Berlin und Umgebung an den Schauplätzen der Romane aufgenommen wurden, illustrieren das großformatige Werk adäquat und unterstreichen quasi die Aussage des Autors im Bild. - Für Büchereien mit Liebhabern der Klassiker eine interessante und empfehlenswerte Anschaffung!
Georg Bergmeier
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Sein Glück verdienen
Burkhard Spinnen ; Lorenz Kienzle
Knesebeck (2012)
151 S. : zahlr. Ill. (z.T. farb.)
fest geb.