Der namenlose Tag
Als Kriminalhauptkommissar war Jakob Franck lange mit der schwierigen Aufgabe betreut, Todesmeldungen an die Hinterbliebenen zu überbringen. Nach zwei Monaten im Ruhestand bedrängt ihn Ludwig Winther, den angeblichen Selbstmord seiner Teenagertochter
vor zwanzig Jahren nochmals zu untersuchen. Auch Winthers Ehefrau, der Franck bei seiner damaligen Begegnung unangenehm nahe kam, wählte ein Jahr nach der entsetzlichen Tat den Weg in den Freitod. Langsam kommen Franck Zweifel an der damaligen Version, aber auch an Winthers Aussagen. Nach Ermittlern mit den ungewöhnlichen Namen Tabor Süden und Polonius Fischer ersann der produktive Autor Friedrich Ani den ehemaligen Kommissar Franck, der erneut in die Psyche seiner Mitmenschen einzutauchen versucht. Im Wesentlichen zeigt sich Ani desinteressiert an einer Spannungsdramaturgie - sieht man davon ab, dass in einer Rückblende ein traumatisiertes Kind auftaucht, dessen Bedeutung für den Fall erst am Ende ersichtlich wird. In mitunter langen, sezierenden Dialogen bringt Ani Abhängigkeiten, Druck und verdrängte Schuld der Charaktere allmählich ans Licht. Es entsteht ein dunkles Psychodrama, das sich Zeit für das vertrackte Innenleben seiner verlorenen Seelen nimmt. Da die Geschichte in der Provinz spielt, fand man mit Udo Wachtveitl einen versierten Interpreten, der den bayrischen Dialekt perfekt beherrscht. Für alle Bestände möglich.
Gregor Ries
rezensiert für den Borromäusverein.
Der namenlose Tag
Friedrich Ani. Gelesen von Udo Wachtveitl
Osterwold audio (2015)
5 CD (ca. 402 Min.)
CD