Truggestalten
In sieben Episoden begleitet der Filmemacher Rudolph Herzog sieben Berliner Unikate durch einen kurzen Abschnitt ihres Lebens. Gemeinsam ist allen, dass unerklärliche Dinge passieren. Eine junge schwangere Frau entdeckt wie eine böse Vorahnung Blutflecke
auf dem Boden und verliert schließlich ihr Baby. In einer anderen Wohnung hat sich ein Ifrit eingenistet, ein böser Geist, der in einem skurrilen Ritual ausgetrieben wird. Ein alter Hausmeister, der früher einmal Blockwart war, wird von seiner Vergangenheit eingeholt, ein kleines Mädchen wird von Alpträumen heimgesucht, in denen es eine Näherin am Bett sitzen sieht, die, wie sich herausstellt, vor über hundert Jahren im Gefängnis durch einen Hungerstreik den Tod gefunden hat. Manchmal erzählt Herzog in Ich-Form, manchmal aus der Distanz eines Beobachters in der dritten Person. Die Protagonisten kommen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und Stadtteilen Berlins, sind unterschiedlichen Alters. Alle Geschichten sind in sich abgeschlossen, reihen sich unverbunden aneinander, ab und an entdeckt der Leser aber aus dem Augenwinkel heraus eine Figur aus einer der anderen Geschichten. Der Erzählstil ist flüssig, die Personen und Situationen sind treffend und bildhaft dargestellt. Rätselhaft und mystisch, geradezu kafkaesk erinnern diese Geschichten an die klassischen Spukgeschichten, die dem Leser einen wohligen Schauder bescheren.
Christiane Kühr
rezensiert für den Borromäusverein.
Truggestalten
Rudolph Herzog
Galiani (2017)
240 S.
fest geb.