Die vier Evangelien
Eine Brücke zwischen den Evangelien und dem Hier und Heute möchte der namhafte Exeget und Präsident des Päpstlichen Kulturrates Kardinal Gianfranco Ravasi mit diesem Buch schlagen. Es ist konzipiert als ein sowohl einführender als auch vertiefender
"Leseschlüssel", der zuerst über Grundlegendes (Verfasser, Abfassungszeit, Adressaten, Sprache, Aufbau und das theologische Programm) jedes Evangeliums informiert, um dann die zentralen Texte auszulegen. Ravasi weiß sich zuerst der historisch-kritischen Exegese verpflichtet, die allerdings nicht mehr den exegetischen Dogmen der ideologisch belasteten Bultmann-Schule folgt, sondern ihre Grenzen kennt und damit den Blick freigibt für eine spirituelle Auslegung der Heiligen Schrift als des unausschöpflichen Wortes Gottes. Es wird deutlich, dass die Evangelien wie die Menschen aller Zeiten auch uns ansprechen wollen, freilich dies nicht mit bloßen moralischen Appellen, sondern durch eine Vergegenwärtigung der Person Christi. Ravasi betrachtet deshalb - und das prägt die Art seines Interpretierens grundlegend - den Text als etwas Lebendiges, dem man nur in einer absoluten, damit auch existentiellen (und nicht allein intellektuellen) Offenheit gerecht wird. So hilft dieses Buch, das keine besonderen Vorkenntnisse voraussetzt, allen Bibellesern, vor allem aber denen, die sich in einem Bibelkreis engagieren.
Richard Niedermeier
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die vier Evangelien
Gianfranco Ravasi
Verl. Neue Stadt (2013)
450 S.
fest geb.