Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist
Der Buchtitel müsste korrekter heißen: "Wie man über Orte schreibt ...", denn Pierre Bayard - Literaturprofessor und Psychoanalytiker aus Paris - analysiert und interpretiert Werke von einem Dutzend Autoren, die die von ihnen beschriebenen Orte
oder Regionen nie (genau) gesehen haben; von Marco Polo, dessen Reisebeschreibungen im "Il Milione" bis ins ferne China vielleicht weithin oder total erfunden sind, über Jules Verne, der seinen Helden Phileas Fogg "In 80 Tagen um die Welt" schickt, oder gar Karl May, der bekanntlich erst lange nach dem Erscheinen seiner Winnetou-Romane Amerika - und zwar nur einige Städte an der Ostküste - besuchte; auch speziellere und allgemein weniger bekannte "sesshafte Schreiber" wie Chateaubriand (mit seinen Amerikareportagen) oder Margaret Mead (mit ihren Berichten über das angeblich freie Sexualleben auf Samoa) werden analysiert; aber auch Figuren im Journalismus (Jayson Blair), im Sport (Rose Ruiz 1980 über ihren Boston-Marathon) oder Alibi-Fälle aus dem alltäglichen Familienleben u.ä. kommen immer wieder vor und lassen sich als Aktionen phantasievoller Erzähler beschreiben. Der Autor will mit diesen seinen interessanten und teilweise spannenden Analysen den Leser wohl trösten und auch dazu animieren, als "sesshafter Reisender" vom Lesesessel aus gemütlich und gefahrlos die Welt zu erkunden und zu erobern, was nach dem Beispiel der angeführten Autoren - mithilfe zuverlässiger Informanten und Bücher! - sehr wohl möglich ist. - Empfehlenswert.
Georg Bergmeier
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist
Pierre Bayard
Kunstmann (2013)
214 S.
fest geb.