Gratulieren müsst ihr mir nicht
Die Ich-Erzählerin Lilli – mit manchen autobiografischen Ähnlichkeiten zur 23-jährigen Autorin – startet durch die Trennung der Eltern, eine ungeklärte Grundmüdigkeit und eine Lernschwäche in Mathe erschwert ins Leben. Eine Löwenmutter,
deren neuer Partner sich gut in die Kleinfamilie einbringt, engagiert sich in der Konfrontation mit Nachbarn, Lehrern und Ärzten über allen Maßen für Lilli. Deren Leben ist spätestens ab der Pubertät von zahlreichen Aufenthalten in Krankenhäusern geprägt. Mit altersuntypischen Krankheiten (Gehirntumor, Blutzyste im Dünndarm, Herzschrittmacher) verbringt Lilli viele Wochen in Krankenhäusern und ist mit ihrem Befinden, ihren immer wieder schwer erträglichen und aussichtslosem Körperwahrnehmungen konfrontiert. Im Kampf mit den eigenen Schmerzen, unsensiblen Zimmernachbarinnen und gesundheitlichen Ungewissheiten versucht sie vielfach, Halt in der Zuversicht auf Gottes Hilfe ins Spiel zu bringen, obwohl ihre religiösen Grunderfahrungen durch Religionsunterricht und Beichte alles andere als zugewandt verliefen. Die Zwanzigjährige fällt, als vor der Herzoperation sich ihr Freund per Textnachricht von ihr trennt, erneut in ein tiefes Loch. – Polansky gelingt ein Einblick in das Leben einer jungen Frau mit tiefen Reflexionen, sprachlich gekonnt, mit szenischen Schnitten, inhaltlich keine einfache Lesekost. Breit empfohlen.
Rolf Pitsch
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Gratulieren müsst ihr mir nicht
Lilli Polansky
Schöffling & Co. (2024)
268 Seiten
fest geb.