Grünschnabel

Es ist ein Roman, der viele derzeit in der Schweiz gesellschaftspolitisch brisante Themen aufgreift. Die deprimierenden Zustände in Schweizer Waisenhäusern, die rigide Adoptionspraxis, der Umgang der Behörden mit Zuwanderern, sowohl mit denen, denen Grünschnabel man den "roten Teppich" ausrollt, wie mit denen, die man "ausschaffen" will, die Lebensumstände von solchen Zuwanderern, ihre Ausbeutung durch gewissenlose Vermieter, aber auch das oft verdrängte engherzig-egoistische Verhalten der Schweizer den Flüchtlingen des NS-Regimes gegenüber. Damals wie heute gab und gibt es individuelle Menschlichkeit, aber auch Gier und Mitleidlosigkeit. Im Zentrum des Romans steht das Schicksal eines etwa zehnjährigen Waisenmädchens, das den Übergang in ein halbwegs geordnetes Familienleben schaffen will, wobei bis zum Ende offen bleibt, ob die Behörden der Adoption zustimmen werden, handelt es sich doch um eine Familie, die man in verschiedener Hinsicht nicht gerade als Schweizer Musterfamilie bezeichnen kann. In diesem Roman wird konsequent aus der eingeschränkten Perspektive der kleinen "Waisenhausgöre" erzählt, die man "Grünschnabel" nennt. Die ganze Hilflosigkeit des Kindes und die rührenden Versuche seiner nicht selbst verschuldeten Unmündigkeit zu entkommen, setzt die Autorin um in anrührend einfache Satzbaumuster. Notwendigerweise sind es die Leerstellen, die stummen Zwischenräume, die Gesten und Emotionen, auf die man als Leser besonders achten muss und die zu bedächtigem Lesen zwingen. Aber es lohnt sich!

Grünschnabel

Grünschnabel

Monica Cantieni
Schöffling (2011)

239 S.
fest geb.

MedienNr.: 344529
ISBN 978-3-89561-345-6
9783895613456
ca. 19,95 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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