Wo bist du, mein Gott?
Oft wird eine Krise des Glaubens als typisches Phänomen des modernen Menschen betrachtet, der angesichts zunehmender wissenschaftlicher Erkenntnisse und in einer immer komplexeren Welt "nicht mehr so einfach glauben könne". Thomas Keating geht von
einem ganz anderen Ansatz aus, er ist der Überzeugung, dass Krisen des Glaubens nicht nur zu jeder Zeit und für jeden Menschen notwendig zum Glauben dazugehören, sondern dass sie sogar von Gott selbst herbeigeführt werden - zum Besten des Menschen, auch wenn dies zunächst ganz anders erscheinen mag. Um dies darzulegen, betrachtet Keating - immer wieder die Perspektive wechselnd - verschiedene Abschnitte aus den Evangelien, die jeweils von Begegnungen handeln, in denen Jesus jeweils den Glauben der Menschen auf eine ganz neue Stufe gehoben hat, durch ein Verhalten ihnen gegenüber, das zunächst unverständlich erscheint. Der königliche Beamte aus Kafarnaum, der römische Hauptmann, Marta und Maria, die Schwestern des Lazarus - sie alle bitten Jesus um die Heilung eines nahestehenden Menschen. Jesus aber reagiert auf diese Bitten, wie Keating hervorhebt, jeweils auf andere Weise, je nachdem, welchen Glauben diese Bittsteller bereits von sich aus mitbringen. Gerade dann, wenn Jesus die Bittenden erst einmal nicht zu erhören scheint, schenkt er dann aber zusammen mit dem Erbetenen noch viel mehr, nämlich einen noch größeren, geläuterten Glauben. So sollen auch die Leser/innen durch diese Beispiele zu der Erkenntnis geführt werden, dass Zeiten des Schweigens Gottes in unserem Leben, Zeiten des langen Wartens zwar schwierig und leidvoll sein können, letztlich aber unumgänglich für ein Wachstum des Glaubens und so gerade Ausdruck der göttlichen Gnade sind. Eine Einsicht, die sehr trostreich sein kann. (Religiöses Buch des Monats März 2013)
Wo bist du, mein Gott?
Thomas Keating
Vier-Türme-Verl. (2013)
149 S.
fest geb.
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats