Gräser der Nacht
In den 60-er Jahren verliebte sich Jean in Dannie. Wie ein bunter Schmetterling flattert die junge Frau durch Jeans Leben, ihre wahre Identität hinter falschen Pässen verborgen, ihr Kommen und Gehen unberechenbar, und irgendeine Schuld drohend über
der Beziehung schwebend. Das ist der kriminalistische Anteil des Romans. Spannend ist diese Spurensuche nicht, bei der Jean nach 50 Jahren erneut auf Dannies Spuren stößt und von dem damaligen Ermittler alte Unterlagen erhält. Namen fallen, Orte werden genannt, Personen vorgestellt, aber alles irgendwie nebulös und farblos. Der Autor spielt mit Erinnerungen und nutzt dazu raffiniert ein fiktives altes Notizbuch mit aufgezeichneten Fragmenten. Das kann man als Leichtigkeit bezeichnen. Der Gang durch die Straßen von Paris mag besonders alternde Intellektuelle mit Hang zum französischen Existentialismus begeistern. Aber während die Hauptperson seines Romans "Im Cafe der verlorenen Jugend" (als Hörbuch Med.Nr. 571094) noch plastisch erscheint und beim Lesen/Hören das Interesse an dieser Person stieg, scheinen die Personen dieser Geschichte eher substanzlos. Warum sollte man sich mit ihnen befassen, interessiert das Verbrechen Dannies noch jemanden, auch wenn es vielleicht politische Hintergründe hat? Sicherlich sollte man sich damit befassen, wenn man mitreden will beim Werk des Nobelpreisträgers des Jahres 2014. Unbestreitbar sind die literarischen Qualitäten des Autors und seine Raffinesse, die Vergangenheit unaufgeregt heraufzubeschwören ohne sie zu fassen und ohne darüber mehr als leichte Melancholie zu empfinden. Das hat allerdings auch das Potential, in Langeweile zu enden - tut es nach meinem Empfinden bei diesem Roman auch.
Lotte Schüler
rezensiert für den Borromäusverein.
Gräser der Nacht
Patrick Modiano. Gelesen von Ulrich Matthes
Hörbuch Hamburg (2015)
4 CD (ca. 250 Min.)
CD