Prosopon
Es ist Anfang 2020 und der siebenjährige Finn liegt nach fünf Monaten Koma im Sterben. Die Eltern, Jakob (der eigentlich Johann heißt) und Johanna sind verzweifelt. Ein Verkehrsunfall hat zu dieser Situation geführt, der Vater war anwesend, die
Mutter nicht. Was wirklich passiert ist, bleibt unklar, ebenso eine mögliche Mitschuld des Vaters. Sicher ist aber Jakob ein Gescheiterter. Er leidet seit Geburt an Prosopagnosie, kann keine Gesichter erkennen oder wiedererkennen. Weder das seiner Frau, sein eigenes oder das seines Sohnes. Was macht das mit einem Menschen, wenn er nicht einmal sein eigenes Spiegelbild erkennt? Prosopon, so zeigt sich, ist nicht nur ein Roman über den Tod eines Kindes und was das mit den Eltern macht, sondern auch die Geschichte des Scheiterns eines Menschen an sich selbst. Zumindest so, wie es sich Johanna vorstellt. Denn, und das ist einer der großen Kunstgriffe in Prosopon, Johanna ist die Erzählerin. Sie erzählt uns vom harten, lieblosen Aufwachsen und Werden von Jakob, so wie sie es sich vorstellt. In manchmal schmerzhaft analysierenden harten Sätzen entwirft sie das Bild ihres Mannes, aber ob er wirklich so ist, ob sein Leben wirklich so war, erfahren wir nicht. Sicherer sind schon die Auswirkungen der Prosopagnosie auf Jakobs Beziehung mit Johanna und auf die Entwicklung von Finn, der überfordert von allem bereits seit früher Kindheit einen Hang zu Gewaltausbrüchen zeigte. An der "Gesichtsblindheit" von Jakob zerbrechen letztlich er und seine Familie. Ist das Schicksal, unabwendbares Schicksal, oder hätte es Möglichkeiten gegeben, dem zu entkommen? Wie nahezu alle anderen Fragen muss auch hier der Leser, muss die Leserin selbst eine Entscheidung treffen. Der Roman fordert heraus, regt zum Nachdenken an, bietet keine Lösungen. Einen großen Leserkreis wird man damit sicher nicht erreichen, aber zu wünschen wäre es der Autorin.
Friedrich Röhrer-Ertl
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Prosopon
Anna Felnhofer
Luftschacht Verlag (2026)
256 Seiten
fest geb.