Tsai Kun-lin - 2. Die gestohlenen Jahre
Auf Kun-lins (vgl.: BP/mp 23/1040) Verhaftung und die Anklage folgen das Urteil zu zehn Jahren Lagerhaft, zunächst in Gefängnissen und später auf der Gefängnisinsel Lü Dao. Es ist ein "Umerziehungslager", in dem die Insassen von ihren angeblich
verfehlten Ansichten und terroristischen Umtrieben "geheilt" werden sollen. Kun-lin ist sich keiner Schuld bewusst; allein die Mitgliedschaft in einem Lesezirkel hat ihn für die Geheimpolizei verdächtig werden lassen. So wie er sind viele seiner Mithäftlinge unschuldig und völlig willkürlich inhaftiert worden. In dieser Graphic Novel werden das Leid, die Erniedrigungen und die Ängste in sehr beklemmenden Bildern geschildert. Hierfür sind die schwarzen Rahmen, die reduzierte Farbpalette und die holzschnittartige Anmutung adäquate Mittel, um diesen Lebenstragödien Ausdruck zu verleihen. Der abstrahierende Stil verweist auf die Allgemeingültigkeit für jedes Leben unter autoritärer Repression. Gezeigt wird aber auch, dass Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit unter den Häftlingen hohe Werte sind, die sie am Leben halten. So wird man als Leser:in Zeuge von tiefen existenziellen Krisen, die so viele Menschen erleiden müssen, wenn sie von Gewaltherrschaften um ihre Lebensjahre bestohlen werden.
Dominique Moldehn
rezensiert für den Borromäusverein.
Tsai Kun-lin - 2. Die gestohlenen Jahre
Yu Pei-yun (Text) ; Zhou Jian-xin (Illustration) ; ins Deutsche übersetzt von Johannes Fiederling
Baobab Books (2023)
Tsai Kun-lin ; Band 2
179 Seiten : teilweise farbig
kt.