Die Ferien
In dem Roman der chinesisch-amerikanischen Autorin wird das angemietete Ferienhaus zur Bühne in einem überzeugenden literarischen Kammerspiel, in dem die Codes, Erwartungen und Eigenheiten unterschiedlicher Kulturen und sozialer Klassen heftig miteinander
kollidieren. Ketu und Nate – sie eine erfolgreiche Unternehmensberaterin, er ein idealistischer Biologieprofessor – leben als kinderloses Paar mit ihrer Hündin Mantou in New York. Beide sind sie Bildungsaufsteiger mit durchgetaktetem, leistungsorientiertem Berufsleben: Ketu ist Tochter chinesischer Einwanderer, Nate hat es als Erster und Einziger aus seiner "White-Trash"-Familie zu einem Uniabschluss und einem akademischen Beruf gebracht. Auch den Erholungsurlaub am Meer, zu dem sie in das Ferienhaus in Cape Cod nacheinander ihre Eltern einladen, gehen sie als ein minutiös und aufwendig zu planendes Sommerprojekt an, das jedoch herrlich schiefgeht. – Mit pointiert komischen Dialogen und einem überaus kritischen Blick auf (latente) Mechanismen von Rassismus und Klassismus lässt die Autorin empfindliche Themen wie Familiennachwuchs, Finanzen und festgefügte Rollenbilder samt Bildern von Beziehungsmustern explodieren. Keine unverfängliche oder gar romantische Urlaubsstory also, dafür eine überaus anregende Lektüre über die Wirkungsmacht kultureller Klischees sowie den familiären und gesellschaftlichen Anpassungsdruck.
Slávka Rude-Porubská
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die Ferien
Weike Wang ; aus dem Amerikanischen von Andrea O'Brien
Kjona Verlag GmbH (2025)
203 Seiten
fest geb.