Denkst du noch an Trencín?
Wie erzählt sich eine Stadt? Osteuropäische Schriftsteller, darunter einige der findigsten, verstehen sich darauf, verschwindende, abgebrochene Traditionen in einer Art magischem Realismus wieder heraufzubeschwören. Prag ist eine bekannte Größe
für dieses Romanverfahren. Trencín hat starke Chancen, ebenso bekannt zu werden. Die westslowakische Stadt ist, zusammen mit Oulu (Finnland), 2026 Kulturhauptstadt Europas. Lukáš Cabala schreibt dort und betreibt ein Internetantiquariat, Stefanie Bose, die sein Buch in ein geschmeidiges Deutsch übersetzt hat, ist Stadtschreiberin dort, ebenso wie der Buchillustrator Juraj Toman. Am besten, man steigt ins Buch und in diesen Stadtroman mit Tamara ein. Sie kommt aus Israel erstmals in die Stadt ihrer Vorfahren und ist auf der Suche nach den in Krieg und Holocaust verschütteten jüdischen Lebensspuren. Die zweite Hauptfigur ist Vincent, ein bibliophiler Antiquar, der Cortázars Bücher liebt, aber so unaufmerksam zu lesen glaubt, dass er sich lieber auf seine eigenen Augen verlassen will. Er beginnt damit, die Geschichten seiner Stadt zu erforschen, an der Seite seine Comics liebende Angestellte Laura und deren Sohn Oliver. Viele Ereignisse spielen in der Nacht, schillern zwischen Wirklichkeit und Mythos. Ein Schlüsselkapitel heißt „Zachor“ und gibt den Figuren, aber auch uns Lesenden, einen Auftrag: „Erinnere Dich“, das ist der Auftrag Mose, Gottes Gebote nicht zu vergessen, und er gilt hier der Zukunft alter Geschichten. In dichten Bildern und mit poetischer Spannungskraft wird davon erzählt, wie die Geschichte der slowakischen Kleinstadt unter Nazis, unter Kommunisten, im Zeichen eines neuvereinten Europas mitsamt ihrer Auswirkungen auf die Gegenwart erzählt werden kann. Etwa im Blick auf das Riesenrad am linken Ufer der Váh, in dessen Kabinen unablässig um sich selbst drehende Tragödien hausen. Sehr zu empfehlen.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Denkst du noch an Trencín?
Lukás Cabala ; übersetzt von Stefanie Bose
Allee Verlag (2026)
156 Seiten
fest geb.