Gemma Bovery
Raymond Joubert lebt als Bäcker zufrieden in einem kleinen Dorf in der Normandie. Das ändert sich, als ein englisches Ehepaar, Gemma und Charly Bovery, ein Haus kaufen. Besessen von dem Gedanken, Gemma Bovery sei die Reinkarnation von Madame Bovary
aus Flauberts gleichnamigem Roman, beginnt Joubert erst ihr nachzuspionieren, dann auch in ihr Leben einzugreifen. Und wo noch keine Parallelen zu der Romanfigur bestehen, da versucht Joubert sie selbst herzustellen bzw. die Protagonisten darauf hinzuweisen. Die Ereignisse werden in Form von Gemmas Tagebuches und Jouberts Erinnerungen erzählt. Dabei gibt es weit mehr Text als bei den meisten Graphic Novels. Wenn Bilder die Emotionen der Personen oder die Stimmung der Landschaft besser darstellen können, dann sind schwarz-weiß Grafiken eingefügt. Diese Verbindung von Text und Grafik zeigt besonders eindrucksvoll das Entlarvende der Geschichte: große Emotionen sind eigentlich nur kleine Showeffekte, und die literarische Tragik des Vorbilds wird in dieser Geschichte fast lächerlich: keine Arsenvergiftung, sondern ein verschluckter Bissen Brot ist bei Gemma die Todesursache. Wie in einem Koffer mit doppeltem Boden transportiert die Autorin mit der Geschichte um obsessive Liebe und Leidenschaft eine Persiflage auf die englische Mittelschicht und ihr exaltiertes Auftreten. Eine trotz tragischer Ereignisse vergnügliche Lektüre, die auch psychologisch interessierten Nicht-Comic-Lesern empfohlen werden kann.
Lotte Schüler
rezensiert für den Borromäusverein.
Gemma Bovery
Posy Simmonds
Reprodukt (2011)
106 S. : überw. Ill.
kt.