Aufzeichnungen aus Jerusalem
Als mitreisender Ehemann einer Mitarbeiterin der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" (MSF) verbringt Guy Delisle (zuletzt: Aufzeichnungen aus Birma - BP/mp 10/240) ein Jahr in Jerusalem. Mit seiner Beobachtungsgabe entdeckt und skizziert er immer
neue Szenen aus dem Alltag. Er zeigt, wie der tägliche Wahnsinn der Machtkämpfe, geschürt von religiösem Fanatismus, das Leben der Menschen nachhaltig beeinflusst. Manchmal sind es nur kleine Episoden, z.B. dass ein Schaufelbagger das Kind des Autors begeistert und gleichzeitig dahinter die Bedrohung einer Amokfahrt lauert (S.51). Dann wieder sind es die großen Ereignisse wie die Bombardierung des Gazastreifens. Delisle spart dabei nicht mit kritischen Anmerkungen - immer subtil durch kleine Episoden belegt - zu den israelischen Militäreinsätzen und der Siedlungspolitik. Bei einigen Episoden nutzt er nur die reduzierte Bildsprache seines Comic-Stils, um Details des Ausnahmezustands der Stadt zu skizzieren. Gerade für Jugendliche kann dieser Band dazu beitragen, sich in die Situation in Israel und deren Bewohner hineinzuversetzen, und wie jeder sich auf seine Weise an die 40-jährige Bedrohung anpasst.
Lotte Schüler
rezensiert für den Borromäusverein.
Aufzeichnungen aus Jerusalem
Guy Delisle
Reprodukt (2012)
334 S. : überw. Ill. (z. T. farb.)
kt.