Piano Oriental
Abdallah lebte in den 50er/60er Jahren in Beirut, einem weltoffenen Beirut mit starkem französischen Einfluss und ebenso starken eigenen Traditionen. Die Geschichte lehrt, dass Bürgerkriege, Konflikte mit dem Nachbarstaat Israel und eine zunehmend
radikale Islamisierung das Land veränderten. Davon ist nur am Rand der Erzählung etwas zu spüren, bei der es um den liebenswerten Abdallah geht, der die traditionelle Musik des Orients mit einem typischen Instrument des Okzidents, dem Piano, verknüpfen will. Dazu tüftelt er - am Ende erfolgreich - an der Möglichkeit, Vierteltöne zu spielen. Die Idee begeistert einen Pianobauer in Wien, die Umsetzung scheitert aber an mangelnder Nachfrage. Seine Urenkelin hat das bürgerkriegsgeschüttelte Beirut schon lange verlassen und bewegt sich wie ihr Großvater zwischen Orient und Okzident. Ihre libanesischen Wurzeln versucht sie in den französischen Alltag zu integrieren. Aber bei ihr führt dies eher zur Identitätskrise. Dabei spielt die Geschichte ihres Urgroßvaters eine wichtige Rolle, ebenso wie jenes Piano. Sie selbst integriert die orientalische Erzählweise ineinander verschachtelter Geschichten und einer Grafik mit orientalisch anmutenden Ornamenten mit dem westlichen Erzählstil eines Comics. Es entsteht ein Stück gelungener Integration in der Kunst, die metaphorisch auf viele Bereiche des Lebens angewendet werden könnte. Mit der Schwarz-Weiß-Grafik, wie die Tastatur eines Klaviers, spielt die Künstlerin mit den Formen und entwickelt einen ganz besonderen ästhetischen Reiz. Für den Leser ist dieser Kulturmix neu, ungewöhnlich und bedarf besonderer Aufmerksamkeit beim Lesen. Auch wegen der Metaebene (Integration von Kulturen) empfehlenswert.
Lotte Schüler
rezensiert für den Borromäusverein.
Piano Oriental
Zeina Abirached
Avant-Verl. (2016)
196 S.
kt.