Geisternetze
Die rasanten Entwicklungen der Digitalisierung bis zu Avataren und Künstlichen Intelligenzen stehen im Hintergrund von Sascha Kokots Gedichten. Sie kommen offenbar an, wenn man im Internet durch die Laienbesprechungen surft, die den innigen Ton, die
poetische Spannung und die Wahrnehmungsgenauigkeit der Texte des Leipziger Dichters, Fotografen und Informatikers loben. Das trifft auch durchaus zu, doch es lohnt, sich die Sache näher anzuschauen. Die Natur, die in früheren Gedichten Kokots vorkommt, ist immer noch Hallraum. Aber die Wellen schweigen, die Wälder sind verstummt, die Städte gewittern im Baustellen- und Verkehrslärm. Wie die nicht mehr so schöne neue Welt zusammengewebt ist, bleibt ein scheinbar ungestörtes Geheimnis, das im Alltagstrott (den Schritten der Frühpendler, der donnernden Leipziger Tram) untergeht, aber im technologisch erfüllbaren Kinderwunsch (im mittleren Zyklus „flocke“) mächtig aufscheint. Da stehen dann neben Embryoskop, Doppler, Server oder Ports auf einmal alte Märchen und Orakel, Mauersegler und Milane, in deren Bann die Wünsche vorsichtig, wie es heißt, abgeschliffen werden. Unsere Zeit hat mehr von Geistern in sich, als es sich digitale Immigranten und Insider träumen lassen: Mailer Daimons, unsichtbare Netze, verpixelte Hoffnungen, Bildschirmflimmern auf Augenhöhe. Lyrik über Lebensbeginn und Todesnähe, Hoffnung und Zweifel, Vergänglichkeit und das, was bleiben kann. Empfehlenswert.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Geisternetze
Sascha Kokot
Gans Verlag (2026)
Gegenwarten ; 32
89 Seiten
fest geb.