Tangerinn
Nach dem Tod ihres Vaters Omar kehrt Mina zur Beerdigung nach Sizilien zurück. Sie lebt und arbeitet inzwischen im multikulturellen London, wo sie sich als Halb-Marokkanerin/Halb-Italienerin unbeobachtet fühlt. Zurück in der Heimat fühlt sie sich
entwurzelt und unwohl. Sie ist ein bisschen neidisch auf ihre ältere Schwester Aisha, die nicht nur in ihrem muslimischen Glauben gefestigt scheint, sondern auch die Bar des Vaters managt, im Flüchtlingslager arbeitet und die depressive Mutter pflegt. Auch schämt sich Mina dafür, ihrer Schwester die Chance auf ein Studium und einen guten Job genommen zu haben, indem sie als erste die Heimat verlassen hat. Erst Gespräche mit Aisha, ihrer Großmutter und verschiedenen Freunden von Aisha lassen Mina ihre Identität und ihre Beziehung zu ihrem Vater neu erfahren. Die Zeit auf Sizilien festigt Mina, sodass sie, wieder zurück in London, die Oberflächlichkeit ihres dortigen Lebens erkennt und einen Neuanfang wagt. – Dieser Familienroman ist mit seinen vielschichtigen Themen über Migration, Identität, Zusammenhalt, Glauben und einer engen Vater-Tochter-Beziehung sehr zu empfehlen. Die Geschichte wird ganz aus Minas Sicht erzählt, indem sie in Gedanken das Wort an ihn richtet und ihn selbst im Tod noch um Rat fragt. Ein toller Roman, wie man ihn selten liest.
Stefanie Simon
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Tangerinn
Emanuela Anechoum ; aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt
nonsolo Verlag (2026)
286 Seiten
kt.