Der unendliche Wald
Als der Fuchs am Abend in seinem Bau erwacht, spürt er gleich, dass etwas anders ist als sonst. Er hat gelernt, die unzähligen Stimmen des Waldes zu deuten. Aber diesmal mischt sich ein dumpfes Grollen in die sonst so vertrauten Geräusche und auch
die Rufe der Wölfe sprechen von Gefahr. Der Fuchs folgt ihnen auf der Suche nach dem unendlichen Wald. Die unheimliche Macht, die die Tiere mit ihrem feinen Sensorium erspüren, ist der gewaltsame Eingriff des Menschen in die natürlichen Lebensräume der Waldbewohner. Diesem Faktum der realen Gefahr wird in den seitenfüllenden Zeichnungen dieses großformatigen Bilderbuchs Raum gegeben. Die Verästelungen von Blattwerk und Wurzeln, Verzahnungen von Licht und Schatten und das Gewimmel der Insekten haben für das Tier jede Vertrautheit verloren. Vielmehr präsentieren sich hier expressive Formen und harte Schwarz-Weiß-Kontraste zu unseligen, kaum zu entwirrenden Panoramen. Für junge Betrachter:innen, die sich gern in Wimmelbildern verlieren, mögen diese schwer lesbaren Räume einen verstörenden Beigeschmack haben, zumal im Text kaum ein Trost auszumachen ist. Hier werden erwachsene Vorleser:innen im Gespräch das Augenmerk darauf lenken müssen, dass es (noch) Chancen gibt, unser aller Lebensraum zu schützen und zu erhalten. Dass in dieser dunklen Ästhetik auch Momente von großer Schönheit aufblitzen, kann ein "Anker" für die Interpretation sein.
Dominique Moldehn
rezensiert für den Borromäusverein.
Der unendliche Wald
Julia Schlosser
KUNSTANST!FTER (2023)
[44] Seiten
fest geb.
Borromäus-Altersempfehlung: ab 6