Was, wenn ich mich entziehe
Der Blick aus dem Fenster, das Beobachten einer Baustelle, die Einsamkeit an Silvester oder das Bad in der Menge auf einer Party – es sind Alltagssituationen, die in diesem Künstlerbuch in einer Bilderreihe eingefangen werden. Die aufgeschlagenen
Seiten des Buchs bilden Diptychen, die von der Normalität zweier Situationen erzählen, deren Rahmen ein streng subjektiver Blick bildet. Nichts Außergewöhnliches, gar Aufregendes ereignet sich hier; kaum eine dieser Momentaufnahmen könnte als "bildwürdig" bezeichnet werden. Aber der Ausschnitthaftigkeit dieser Bilder liegt der beengte Wahrnehmungshorizont eines Individuums zu Grunde, dessen Zeuge wir bei der Betrachtung werden. Die Klarheit der Motive, die schönen gedeckten Farben und die mitunter ungewöhnlichen Perspektiven scheinen sogar etwas über den auszusagen, dessen Blick wir teilen. In der Mitte der Bilderreihe steht ein Text. Auch in ihm geht es um Nähe, Intimität, um den Wunsch nach Stille und um die Notwendigkeit, sich mitunter aus einem Geschehen zurückzuziehen – wohl, um dem Ich intensiver nachzuspüren. Die Bilder und der Text ergänzen einander sehr anschaulich. Die Wahrnehmungssplitter, die in ihnen thematisiert werden, zeugen von der Aufnahmebereitschaft der Sinne und vom gleichzeitigen Wunsch nach Rückzug. Man kann dieses Buch als Essay lesen und betrachten, in dem sich die Offenheit für Eindrücke mit einer Rückbesinnung aufs Ich verbindet. – Dies wird ästhetisch so präzise eingelöst, dass Leser:innen und Betrachter:innen der Einladung zur Selbstreflexion sicher gern folgen werden.
Dominique Moldehn
rezensiert für den Borromäusverein.
Was, wenn ich mich entziehe
Illustration: Nicole Vögeli ; Text: Heinz Janisch
KUNSTANST!FTER (2026)
[52] Seiten : farbig
fest geb.
Borromäus-Altersempfehlung: ab 14