Yanvalou für Charlie

Yanvalou ist ein afro-haitianischer Schlangentanz und das Wort bedeutet zugleich "Ich grüße dich, o Erde" (S. 163). Diese hymnische Aussage wird jedoch durch den kurzen und sehr ergreifenden Roman des preisgekrönten haitianischen Autors nicht eingelöst. Yanvalou für Charlie Mathurin Dietor, ein Mann aus einem ganz kleinen Dorf, hat es zu etwas gebracht, denn er ist nun in Port-au-Prince ein einflussreicher Anwalt für Unternehmensrecht. Wo er herkommt, hat er verdrängt und mit der Erinnerung an seine Kindheit und Jugend auch die Erinnerung an Anne, seine erste Liebe. Als eines Tages Charlie, ein schäbiger Junge aus seinem Dorf, in der Kanzlei auftaucht, und ihn um Hilfe bittet, tauchen alle "ungebetenen Erinnerungen" (S. 31) wieder auf. Charlie ist ein Waisenkind. Er hat sich mit drei anderen Waisen zu einer Jugendbande zusammengeschlossen, die sich durch Taschendiebstahl und Wohnungseinbrüche den Start in ein besseres Leben erkämpfen will. Nun nach einem verunglückten Raubüberfall ist er auf der Flucht. Als der Versuch Mathurins, dem Jungen beizustehen, mit dem tragischen Tod des Jungen endet, geht für den Anwalt die Welt nicht unter. Er wird Teilhaber der Kanzlei, seine Karriere setzt sich fort. Die ernüchternde Quintessenz: "Die Erde ist ein Stern, den die Menschen in ungleiche Teile zerbrochen haben" (S. 174). - Der tief pessimistische und leider wohl auch realistische Roman hat noch weitere interessante Facetten, und ist raffiniert aufgebaut und spannend erzählt. Er spart nicht mit ironischen Seitenhieben auf all die, die sich auf der Sonnenseite befinden und zeigt Sympathie mit denen, die im "Teufelskreis von Armut und Gewalt" (Umschlag) gefangen sind. (Übers.: Barbara Heber-Schärer und Claudia Steinitz)

Yanvalou für Charlie

Yanvalou für Charlie

Lyonel Trouillot
Liebeskind (2016)

174 S.
fest geb.

MedienNr.: 831458
ISBN 978-3-95438-066-4
9783954380664
ca. 18,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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