Am Grund des Himmels
Claire hat es geschafft – aus einfachen Verhältnissen ist sie bis in die oberste Etage eines Konzerns gelangt. Trotzdem hat sie häufiger das Gefühl, nicht am richtigen Platz zu sein. Als sie ihr Unwohlsein nicht länger ignorieren kann, steigt
sie nach Dienstschluss durch eine Luke auf das Dach des gläsernen Bürogebäudes. Während ihr der Wind um die Ohren pfeift, hat sie zum ersten Mal nach langer Zeit wieder das Gefühl, durchatmen zu können. Sie zieht ihre Schuhe aus und tanzt auf dem Dach. Sie fühlt sich endlich wieder lebendig und erkennt, dass sie nicht weitermachen kann wie bisher. In der Nacht kommt ein Sturm auf und sie sucht Schutz hinter einem Schornstein. Am nächsten Morgen findet sie die Fensterluke verschlossen vor. – Die Dramaturgin Navarro zeichnet in ihrem zweiten Roman eine Arbeitswelt, die den Menschen von seinen Gefühlen und Wünschen abtrennt und ihn zum Funktionieren zwingt. Außer Claire, die in der Ich-Form erzählt und reflektiert, kommt auch ein „wir“ zu Wort. Kolleg:innen ahnen ebenfalls, dass das System, in dem sie sich befinden, krank ist. Claires Verschwinden löst jedoch nur kurz Verwunderung aus, einen winzigen Hoffnungsfunken, der andere Perspektiven aufzeigt. Doch schnell geht man wieder zur Tagesordnung über. Ein mutmachendes, nachdenkliches Buch, das bildreich aufzeigt, dass ein Neubeginn möglich ist.
Susanne Emschermann
rezensiert für den Borromäusverein.
Am Grund des Himmels
Mariette Navarro ; aus dem Französischen von Sophie Beese
Verlag Antje Kunstmann (2025)
155 Seiten
fest geb.