Die, deren Träume zerbrochen sind
Ismail, ein 41-jähriger Kurde, lebt seit 18 Jahren in Deutschland. Nach Gefängnisaufenthalten und Folter ist er aus der Türkei geflohen. Noch immer wird er von Schuldgefühlen geplagt, weil er ins Exil gegangen ist. Sein Vater wirft ihm vor, für
die Flucht seines jüngsten Bruders Yussuf in die Berge verantwortlich zu sein. Er hat Ismail verflucht und ihm verboten, sein Haus zu betreten. Nun erfährt Ismail, dass der Vater sterbenskrank ist. Zurück in der alten Heimat wird er wieder des Hauses verwiesen. Er macht sich auf die Suche nach seinem verschollenen Bruder, der sich mutmaßlich Guerillakämpfern angeschlossen hat. So hofft er, das Wohlwollen des Vaters zurückzugewinnen. – Der bereits 2014 im türkischen Original erschienene Roman wurde 2023 verboten. Der Autor ist in der Türkei wegen „Terrorpropaganda“ zu sieben Jahren Haft verurteilt worden, das Verfahren ist noch immer anhängig. Im Nachwort finden sich Ekincis Verteidigungsreden. Er verweist auf die bereits als Motto beschriebene Analogie zur Josefsgeschichte der Genesis. Es ist die Geschichte eines Vaters, der am Verlust seines Lieblingskindes zerbricht, und eines Sohnes, der sich nach der Liebe des Vaters sehnt. Ekinci erzählt hochaktuell von Menschen, die auf der verzweifelten Suche nach ihren verschwundenen Verwandten sind, in der Hoffnung, wenigstens die Toten würdevoll begraben zu können. Sehr lesenswert!
Susanne Emschermann
rezensiert für den Borromäusverein.
Die, deren Träume zerbrochen sind
Yavuz Ekinci ; aus dem Türkischen von Gerhard Meier
Verlag Antje Kunstmann (2025)
164 Seiten
fest geb.
Auszeichnung: Roman des Monats