Irmina
Es ist eine große Chance für die 17-jährige Irmina, in London eine Ausbildung als Fremdsprachensekretärin absolvieren zu können. Dort lernt sie Howard kennen, einen dunkelhäutigen Oxford-Studenten, der aus Barbados stammt. Ihr gemeinsamer Weg
endet, als Irmina wegen Geldmangel nach Deutschland zurückkehren muss. Sie geht nach Berlin, wird Zeugin der politischen Eskalationen und unterstützt schließlich, als Ehefrau eines SS-Mannes, das nationalsozialistische System. Über 50 Jahre lang verfolgt man als Leser dieser Graphic Novel die Entwicklung Irminas: von der zielstrebigen, selbstbestimmten jungen Frau bis zur stillschweigenden Dulderin und später auch tatkräftigen Aktivistin; als alte Frau erhält sie durch die Begegnung mit Howard die Gelegenheit, ihre Entwicklung zu reflektieren. Der Leser wird hier Zeuge einer schleichenden Demoralisierung, in der die Staatspropaganda im Innersten greift, bis vor Denunziationen nicht zurückgeschreckt wird. Mit langem Atem wird hier eine deutsche Biografie erzählt. In sehr nüchternen, beinahe lakonischen Zeichnungen werden Irminas Wege dargestellt. Dieses unpathetische Aufzeigen von frühen Idealen und ihrem Scheitern im Alltag macht die hohe Qualität dieser Graphic Novel aus. Der sehr erhellende Essay im Anhang setzt Irminas Geschichte in einen größeren sozialanalytischen Zusammenhang. Wissen und Verdrängen seien aktive individuelle Prozesse, die von größtem Einfluss auf politische Geschehnisse sind. Wie sich diese Erkenntnis am Beispiel einer ganz normalen Deutschen zeigt (die auch die Großmutter des ein oder anderen Lesers sein könnte), wird hier vorbildlich vor Augen führt.
Dominique Moldehn
rezensiert für den Borromäusverein.
Irmina
Barbara Yelin
Reprodukt (2014)
285 S. : überw. Ill. (farb.)
fest geb.