Parallel
Als einsamer Rentner blickt Karl Kling auf ein unglückliches Leben zurück. Seine Homosexualität musste er stets vor der Umwelt verheimlichen, einem erfüllten Familienleben mit Frau und Kind stand die Sehnsucht zum eigenen Geschlecht im Weg. Die
erste Ehe nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Tochter seines Chefs endete abrupt, als Karls rabiatem Schwiegervater seine heimliche Beziehung zu einem Mann zu Ohren kommt. In Leipzig wohnt der Arbeiter zunächst bei Mutter und Schwester eines Kriegskameraden. Seine aufkeimende Beziehung zu Lieselotte mündet zwar in einer Ehe und Tochter Hella, doch auch von seiner zweiten Familie entfernt er sich stetig auf der Suche nach Gleichveranlagten. In drei Kapitel aufgeteilt, erinnert sich der Protagonist in einem Brief für seine entfremdete, abweisende Tochter an seine unstete Biografie. Mit stimmungsvollen, teils düsteren Schwarz-Weiß-Pinselzeichnungen entwarf Matthias Lehmann in achtjähriger Arbeit das Porträt eines Menschen zwischen Schein und Sehnen. Realistisch angelegt von den typischen Männergesprächen in Kneipen und am Arbeitsplatz bis zu den täglichen Lügen hebt der Band die Schwierigkeiten des Outings und ehrlichen Dialogs hervor, dem eine Ächtung folgen würde. Damit zeigt der Autor Widersprüche und Brüche eines Daseins auf, dem ein paralleles Leben in einer restriktiven Gesellschaft nicht gelingen kann. Empfehlenswert für größere Bestände.
Gregor Ries
rezensiert für den Borromäusverein.
Parallel
Matthias Lehmann
Reprodukt (2021)
452 Seiten
fest geb.