Zur Sonne
Es ist keine illustre Gesellschaft, die sich am Tresen von Franks Kneipe "Zur Sonne" zusammenfindet. Im Gegenteil, einigen hat das Leben übel mitgespielt: da ist ein ehemaliger Polizeispitzel, die Putzfrau Ute, ein verhinderter Schriftsteller, der
sich prostituiert, ein in Frührente entlassener Schlachter. Frank hält diese kleine Kneipen-Familie zusammen, doch für ihn entwickelt sich langsam der Wunsch nach einer Zukunft außerhalb der "Sonne". In dieser Graphic Novel wird ein Panorama benachteiligter und enttäuschter Existenzen aufgeblättert, die alle schwer an ihrer Vergangenheit tragen. Ihre Erinnerungen werden kurz angedeutet und gleich darauf wieder fallengelassen. Gemäß der Lokalität wird hier keine Geschichte auserzählt, vielmehr gelingt es in den skizzenhaften Zeichnungen, die wunden Stellen der Protagonisten anzudeuten, aber vieles auch im Dunkeln zu belassen. Hier spielen sich Lebenstragödien ab, doch sorgt die offene Struktur der Dramaturgie auch für vage Ausblicke ins Neue. Selbst wer mit der Drastik einiger Szenen und dem rüden Ton der Figuren hadert, wird anerkennen müssen, dass hier eine präzise Milieustudie vorliegt, die im Medium des Comics ihren adäquaten Ausdruck gefunden hat.
Dominique Moldehn
rezensiert für den Borromäusverein.
Zur Sonne
Herrmann [und drei weitere] ; Zeichnungen: Matthias Lehmann
Reprodukt (2023)
107 Seiten
fest geb.