Naphtalin
Während der argentinischen Wirtschaftskrise 2001 erbt die Studentin Rocio das Haus ihrer verstorbenen Großmutter Vilma, zu der sie zeitlebens ein gespanntes Verhältnis hatte. Deren Mutter Genovera siedelte mit ihrem kommunistischen Mann von Italien
in das argentinische San Martin um. Zeitlebens weigerte sie sich, die Sprache richtig zu lernen. Während ihr schwuler Sohn seine Neigungen aus Angst vor Ächtung zu verbergen versuchte, musste Tochter Vilma ihm den Vortritt lassen und durfte nicht studieren. Nach ungewollter Schwangerschaft sah sie sich gezwungen, einen ungeliebten Mann heiraten. Zeitlebens ging Vilma auf Distanz zu ihm. In ihrer teils autobiografischen Graphic Novel zeichnet Sole Otero ein Leben in Einsamkeit und Verbitterung nach. Allmählich lernt man Motive und Nöte der egoistisch eingestellten Großmutter besser kennen und verstehen. Ebenso entwickelt die inzwischen in Frankreich lebende Künstlerin das Bild einer noch antriebslosen jungen Frau, die ihren Weg – in einem vom Geist der Oma heimgesuchten Haus - noch finden muss. Der Titel „Naphthalin“ beschreibt den Geruch der Wohnung nach Mottenkugeln. Oft zeigt Otero das Gebäude im Querschnitt, um mehrere Aktionen zu verknüpfen. Während die Rückblenden mit Rosa unterlegt sind, entwickelte sie den Alltag des Teenagers in rot und hellblau mit tiefschwarzen Albtraumeinlagen. Ein grafisch einfach gehaltener, aber umso tiefgründiger Einblick in weibliche Unterdrückung und gesellschaftliche Fesseln in Verbindung mit einer Chronik Argentiniens über Jahrzehnte hinweg. Empfehlenswert.
Gregor Ries
rezensiert für den Borromäusverein.
Naphtalin
Sole Otero ; aus dem Spanischen von Lea Hübner
Reprodukt (2023)
327 Seiten : farbig
kt.