Transit Visa
Zwei junge Männer, die viel Zeit und ein noch fahrtüchtiges Auto haben, begeben sich auf eine große Reise: von Frankreich aus durchqueren sie Nord-Italien und den Balkan, sie überqueren den Bosporus und beenden ihre Fahrt schließlich an der türkischen
Mittelmeerküste. Hier ist der Weg das Ziel: für touristische Sehenswürdigkeiten haben sie kein Auge und landschaftliche Schönheiten werden nur als Untermalung ihres Ego-Trips wahrgenommen. Aber trotz aller Widrigkeiten halten die beiden Cousins zusammen und dies wird nicht ihre letzte gemeinsame Reise gewesen sein. Ihre Reiseerlebnisse werden begleitet und kommentiert von einem imaginären Motorradfahrer, der sich als Henri Michaux entpuppt, der von Nicolas verehrt wird. Aber auch Erinnerungen und Vorausschauen werden als Einschübe in den Lauf der Story eingesetzt: die traumatisierenden Kindheitserfahrungen in einem katholischen Ferienlager etwa oder der Kulturaustausch nach Weißrussland in späteren Jahren. Zudem wird der Bericht überschattet von der Tschernobyl-Katastrophe und auch die dramatische Krankheitsgeschichte von Nicolas setzt einen dunklen und beängstigenden Ton im Leben des Zeichners. Denn diese Graphic Novel ist als Autobiografie zu lesen, die sich der Aufgabe stellt, den Gefühlslagen, der Abenteuerlust und der Sorglosigkeit der Jugend Ausdruck zu verleihen. Der lockere, nervöse Strich der Zeichnungen, die selbstbezogenen Perspektiven und die Dramaturgie der verästelten Stationen bringen dies sehr nachvollziehbar zur Darstellung. Hier liegt ein umfangreicher Lebens-Roman vor, eine Zeitreise durch die 80er- und 90er-Jahre, eine selbstironische Beichte, eine Freundschaftsgeschichte. Die Basis all dessen ist die Selbstvergewisserung eines Künstlers über seinen Werdegang, seine Lebens-Reise. Sehr lesenswert!
Dominique Moldehn
rezensiert für den Borromäusverein.
Transit Visa
Nicolas de Crécy ; aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock
Reprodukt (2024)
402 Seiten : farbig
fest geb.