Aufblasbare Eltern
Nora, Georg und die beiden 7-jährigen Kinder Albert und Milo bilden eine Patchwork-Familie. Die Jungen verstehen sich gut und scheinen die neue Situation der Trennung ihrer Eltern auch zu verkraften. Dennoch grübelt Nora, ob und wie sie das Familienmodell
für ihren Sohn Milo noch verbessern könnte. Die Sitzungen beim Paartherapeuten zur Trennungsberatung helfen ihr und Milos Vater nicht wirklich. Und auch mit ihrem neuen Partner Georg diskutiert sie das Wohlergehen ihrer Familie immer wieder leidenschaftlich. – Diese Graphic Novel ist als großer Familienroman konzipiert, dessen Kern die unaufhörliche Sorge, das schlechte Gewissen und die Aufopferungsbereitschaft der Mutter bildet. Denn auffällig ist, dass alle Familienmitglieder meist entspannt und wohlgemut durchs Leben gehen, während sich Nora an ihren eigenen Ansprüchen nach Perfektion zerreißt. Dies ist der Tenor aller Kapitel, die vom Familienalltag, von Ausflügen und den Gesprächen zwischen Mutter und Sohn erzählen. Der Verdacht kommt auf, dass sich Nora auch in einer "klassischen" Familie überfordern würde. Dass man beim Lesen dieses Frauenschicksals nicht vom Mitleid überwältigt wird, liegt an der witzigen und liebevollen Aufbereitung des Themas. Denn der Zeichnerin gelingt es, all die kleinen Alltagsszenen mit viel Wärme und Humor auszugestalten. Die Dialoge leben vom schlagfertigen, spontanen Witz. Und natürlich tragen dazu auch die Zeichnungen bei, die den (Tier-)Figuren karikaturhafte Züge verleihen, was für Distanzierung sorgt. Sehr pointiert werden insbesondere die Bootsausflüge mit Georg oder die schrägen Therapiesitzungen aufs Korn genommen. Hier lässt die Autorin der Absurdität freien Lauf, was wiederum Noras Spagat zwischen ihren Ansprüchen und der "unperfekten" Wirklichkeit abbildet. Dies ist ein befreiender Effekt bei der Lektüre – eine Emanzipation, die man auch der Hauptfigur von Herzen wünscht!
Dominique Moldehn
rezensiert für den Borromäusverein.
Aufblasbare Eltern
Antonia Kühn
Reprodukt (2024)
308 Seiten
fest geb.