Für den Bruchteil einer Sekunde
Mitte des 19. Jh. wanderte der Brite Eadweard Muybridge in die USA aus und entdeckte in Kalifornien das aufblühende Gewerbe der Fotografie. Als einer der ersten Landschaftsfotografen erlangte er bald eine beachtliche Berühmtheit und kam in Kontakt
mit Leland Stanford, der mit dem Bau der transkontinentalen Eisenbahn ein Vermögen gemacht hatte. Über ein Jahrzehnt versuchte Muybridge immer wieder, für diesen durch Fotografien den Beweis zu erbringen, dass galoppierende Pferde für kurze Zeit nicht den Boden berühren, was ihm schließlich auch unter hohem Aufwand gelang. Dabei musste er die Aufnahmetechnik durch Schaffung von Bildsequenzen und möglichst kurze Belichtungszeiten immer weiter verfeinern. So schuf er auch eine der experimentellen Grundlagen der Wiedergabe von Bildfolgen, aus der der Kinofilm entstand. Privat überstand Muybridge einen Mordprozess mit einem Freispruch, obwohl er nachweislich den Liebhaber seiner Frau erschossen hatte. In späteren Lebensjahren sank sein Renommee und der Schöpfer von Bildsequenzen und Wegbereiter des Bewegtbildes hatte sich in seine englische Heimat zurückgezogen. – Guy Delisle, der schon etliche gehaltvolle Graphic Novels zu unterschiedlichen Themen verfasst hat (zuletzt: Lehrjahre – BP/mp 21/997), folgt in diesem Werk nicht nur dem Lebensweg dieses Pioniers der Fotografie und seines wichtigsten Mäzens Stanford, sondern setzt Muybridges Entwicklungen auch in den Kontext anderer Erfinder und Erfindungen, die die frühe Fotografie und ihre Weiterentwicklung zu Bildfolgen und Kinofilmen bis zu Beginn des 20. Jh. bestimmt haben. Die stimmige Erzählung gewinnt durch die Wiedergabe etlicher historischer, häufig von Muybridge angefertigter Fotografien eine hohe Authentizität. Zur Anschaffung sehr zu empfehlen.
Siegfried Schmidt
rezensiert für den Borromäusverein.
Für den Bruchteil einer Sekunde
Text und Zeichnungen: Guy Delisle ; aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock
Reprodukt (2025)
203 Seiten : teilweise farbig
fest geb.