Ein Haus voller Wände
"Ein Haus voller Wände" ist die Beschreibung von Zuständen in einer Einrichtung in Berlin, in der Menschen mit Behinderung, Alte und Demente betreut werden. Nikolas arbeitete dort sieben Jahre lang als Pfleger, war ausgesprochen engagiert, scheiterte
letztendlich aber an seinen eigenen Ansprüchen. Er fühlte sich dem Wohlbefinden der ihm anvertrauten Menschen verpflichtet und konnte das weitgehend unverantwortliche Vorgehen der Heimleitung, gerade auch während der Corona Pandemie, nicht nachvollziehen. Nikolas kündigt seine Stelle, trotz aller Empathie für die von ihm Betreuten. Er hat erkannt, dass der Pflegebereich, so wie er ihn erlebte, über Jahrzehnte vernachlässigt wurde und dass sich daran auch auf Jahre hinaus, trotz mancher Ansätze, nichts ändern würde. - Ein schonungsloses Buch über die mangelnde Wertschätzung sozialer Arbeit in unserer Gesellschaft, die Überforderung derjenigen, die sie ausüben, und über die bürokratische "Verwaltung" Behinderter, Alter und Kranker. Der Protagonist dieses mehr als realistischen Romans kann sich damit nicht abfinden, sieht in den von ihm betreuten Menschen eigenständige Persönlichkeiten mit natürlichen, gelegentlich besonderen Bedürfnissen. Mit Nikolas erlebt der Leser einen Heimalltag, der mit Sicherheit nicht verallgemeinert werden darf, der aber dennoch in vielen Einrichtungen den Zwängen von Fachkräftemangel und Rationalisierungswahn unterworfen ist. - Ein Roman, aber auch eine Zustandsbeschreibung deutscher Gesundheitspolitik, der bemerkenswert ist und durchaus aufrüttelnd sein könnte. Sehr zu empfehlen!
Josef Schnurrer
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Ein Haus voller Wände
Frédéric Valin
Verbrecher Verlag (2022)
202 Seiten
fest geb.