Das Geheimnis des Bösen
Es ist eine sehr gewagte These zum Rücktritt Papst Benedikts, die der italienische Philosoph Giorgio Agamben hier vorlegt: Der Papst habe damit die Existenz des Bösen in der Kirche selbst - namentlich in der auf Wirtschaftlichkeit und Weltanpassung
versessenen Kurie - offenbaren wollen. Agamben rechtfertigt seine These mit frühen Arbeiten Ratzingers zur Ekklesiologie des Tyconius, der anders als Augustinus Gut und Böse nicht auf zwei Reiche verteilt hat, sondern von der ethischen Doppelpoligkeit jeder Wirklichkeit auf Erden (und damit auch der Kirche) ausging. Eine Kirche also, in der der Antichrist (noch verdeckt) schon wirksam ist, und die deshalb sich der Frage ihrer Legitimität stellen muss. Agambens unstrittiges Verdienst ist, dass er damit ein zentrales, aber verdrängtes Thema der Eschatologie wiedergewonnen hat: das Ende aller Zeiten, die Rolle des mysterium iniquitatis in der Heilsgeschichte. Auch die Rückbesinnung auf altkirchliche Divergenzen in der Auffassung von Staat und Kirche stellt einen Vorzug der in diesem Büchlein gesammelten beiden Essays dar. Ob damit allerdings der Papstrücktritt erklärt werden kann, bleibt dahingestellt. Die physische Schwäche Benedikts angesichts der Herausforderungen und Aufgaben scheint doch näherliegend. Die beiden Essays bilden dennoch ein originelles Gedankenexperiment, das von seiner Faszination auch dann nichts verliert, wenn man es vom Rücktritts-Thema trennt. - Für theologisch Interessierte höchst lesenswert!
Richard Niedermeier
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Das Geheimnis des Bösen
Giorgio Agamben
Matthes & Seitz (2015)
Fröhliche Wissenschaft ; 066
69 S.
kt.