Das Schul-Drama

Das Buch ist tatsächlich ein Drama – und zwar für den Leser, da er sich bei der Lektüre in eine diverse Gefühlswelt aus Entsetzen, Irritation, Faszination und Reflexion geworfen erfährt. Das leidenschaftliche pädagogische Manifest der pensionierten Das Schul-Drama Leiterin einer Berliner privaten Gemeinschaftsschule und einer Diplom-Designerin, Regisseurin und Projektentwicklerin zeichnet einerseits ein pauschal negatives Bild von der deutschen Schulwirklichkeit als einer angsteinflößenden Leistungsfabrik, in der Stress, Überforderung und Frust dominieren würden. Zugleich wird eine Utopie von Schule als gemütlichem Lebensraum gemalt, der von Empathie, Kreativität, Eigenverantwortung, Resilienz, ja sogar Liebe geprägt ist – der pädagogische Himmel auf Erden. Wenn man selbst 30 Jahre Lehrerfahrung hat, zehn Jahre in der Lehrerbildung tätig war und zudem Vater eines 17-jährigen Gymnasiasten ist, reibt man sich verwundert die Augen ob der krassen Überzeichnung der schulischen Wirklichkeit und zugleich utopischen Traumtänzerei. Wir leben noch immer in einer Leistungs- und Wohlstandsgesellschaft, die auf Anstrengung, Lernen, Mühe, Umgang mit Grenzen und Scheitern sowie gesundem Ehrgeiz und Wettbewerbshaltung angewiesen ist, um sich einen immer anspruchsvolleren Sozialstaat leisten zu können. Schule fungiert neben ihrer Erziehungs- und Bildungsarbeit auch als Sozialisationsinstanz, die junge Menschen dazu befähigt, in dieser Gesellschaft ihr persönliches Glück zu suchen und dieses mit sozialer Verantwortung zu verbinden. Sie ist keine Insel der Seligen, kein eigener Planet im Universum. Selbstverständlich enthält die kritische Diagnose der schulischen Realität auch ein Körnchen Wahrheit, auch wenn der äußere Anlass des Buches, die darin immer wieder in Auszügen zitierten 70 Briefe von Schülerinnen und Schülern eines Leipziger Gymnasiums, über subjektive Befindlichkeitsberichte im Stile pubertärer Tagebucheinträge nicht hinauskommen. Nicht die Schule oder gar die Lehrpersonen üben unmenschlichen Druck aus. Gefühlte Überlastung entsteht auf der Grundlage einer gesellschaftlichen und medialen Fixierung auf den Zertifikatserwerb ("Abitur für alle") und oft völlig überzogener Elternerwartungen ("Grundschulabitur"), in Kombination mit den Belastungen durch übersteigerten Medienkonsum, rasante Beschleunigung der Lebenswelt und überzogenen Anspruchserwartungen an ein Lebensglück, das von hohem Einkommen und dem hierfür vorausgesetzten Universitätsabschluss als Norm ausgeht. Diesen eigentlichen Hintergrund der Bildungskrise lässt das Werk völlig außer Acht und erkennt nur sehr oberflächlich ein "überaltetes System" und einen "tradierten Leistungsbegriff". Überzeugend sind die Perspektiven einer humanen Schule, die die "Kraft der Kinder" erschließen und zweifellos wichtige Haltungen wie Achtsamkeit, Empathie, Selbstwirksamkeit zu Bildungs- und Erziehungszielen erheben, um Schulen zu "Resilienzzentren" zu machen. Dazu muss man aber weder das differenzierende (nicht selektierende) Schulsystem abschaffen, noch Leistung und Noten oder persönlichen Ehrgeiz und Wettbewerb diffamieren. Lernen geht nicht ohne Wissenserwerb und Prüfungen, Bildung geht nicht ohne Grenzerfahrzungen und Scheitern. Wenn es einen "Reset Bildung" braucht, wie im Schlusskapitel sehr blumig und essayistisch umschrieben, dann könnte er auch in einer Rückbesinnung auf Rousseau, Kant und Humboldt, gerne auch auf Kerschensteiner und Montessori erfolgen. – Das meinungsstarke Buch regt auf provokative Weise zum Nach-Denken an, zum Widerspruch und zur Selbstvergewisserung – Mütter und Väter, Erzieher und Lehrer, Pädagogen und Bildungsforscher, ja alle Bürgerinnen und Bürger, die in der Bildung den Schlüssel für die Zukunft unserer Gesellschaft erkennen.

Thomas Gottfried

Thomas Gottfried

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Das Schul-Drama

Das Schul-Drama

Margret Rasfeld, Ute Puder
bene! Verlag (2024)

189 Seiten ; Illustration
fest geb.

MedienNr.: 618759
ISBN 978-3-96340-285-2
9783963402852
ca. 21,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Pä
Diesen Titel bei der ekz kaufen.