Artificial
Kann ein Verstorbener durch einen Chatbot, der mit diversem Material des Toten gefüttert wurde, mit den Hinterbliebenen so kommunizieren, dass er weiter lebendig zu sein scheint? Und welche Lebensphase des Toten spiegelt dann ein solcher KI-gestützter
Austausch wider? Ändert sich nicht unser von der Herkunft und den Vorfahren bestimmtes Wesen im Laufe der Zeit? Oder kann mein in einer konkreten Zeit verortetes Selbst immer dasselbe sein? – Dies sind einige der zentralen, teils philosophischen Fragen, denen die US-amerikanische Cartoonistin und Autorin in ihrem umfangreichen, nicht immer linear erzählten Graphic Memoir nachspürt und mit komplexen und des Öfteren assoziativen monochromen Bildfolgen unterlegt. Amy Kurzweil ist Tochter des berühmten vielseitigen US-amerikanischen Erfinders und Futuristen Ray Kurzweil, der u.a. KI-Programme entwickelt, die die Erinnerungen an Verstorbene auf diese Weise bewahren sollen und ihnen in gewisser Weise Unsterblichkeit verleihen. Für ihren Großvater Fred (Fritz), einen begabten jüdischen Dirigenten aus Wien, wurde ein solcher Chatbot generiert. Ihm und seiner späteren Frau Hannah gelang es 1938 durch ein Ausreisevisum in die USA, den Nazis zu entkommen. Diese Familienerinnerungen und die damit verbundenen Prägungen spielen für Amy eine wichtige Rolle. Ihr Freund steht am Anfang seiner beruflichen Karriere, die häufige Ortswechsel erfordert. Das wirft bei ihr immer wieder auch Fragen nach Herkunft, Heimat und ein Leben in Beziehungen auf. Eine thematisch hochinteressante, zugleich aber inhaltlich anspruchsvolle grafische Erzählung, die den Lesenden zudem bei der Decodierung der Bildfolgen herausfordert. Für große Bestände eine sinnvolle Anschaffung.
Siegfried Schmidt
rezensiert für den Borromäusverein.
Artificial
Amy Kurzweil ; aus dem Amerikanischen von Nicola T Stuart
Verlagshaus Jacoby & Stuart (2024)
357 Seiten
fest geb.