Doppelte Heimat
Der Lieblingsort der beiden Geschwister Jana und Lutz liegt an einer Gebirgssenke am Kolonnenweg. Hier, an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, erzählt Jana ihrem jüngeren Bruder vom Leben in der DDR, von der Ausreise der Familie und dem mühsamen
Ankommen in der BRD. Als Mitglieder einer christlichen Glaubensgemeinschaft waren ihre Eltern ins Visier der Stasi geraten und litten zunehmend unter staatlichen Zwängen. Auch eine höhere Schulbildung für die Kinder wurde ausgeschlossen. Der Umzug in den Westen fiel besonders der Mutter schwer, zumal die Jahre des Neuanfangs von vielen Enttäuschungen begleitet waren. Wie lässt sich heute von den beiden deutschen Staaten erzählen, über 30 Jahre nach dem Mauerfall? Haben die Nachwendejahre und die späteren so zahlreichen globalen Krisen das Thema nicht in den Hintergrund treten lassen? Und wie können die Daten und Fakten der 80er-Jahre mit Leben gefüllt werden, sodass dies auch für die jüngere Generation interessant erscheint? Die Wahl des Mediums Graphic Novel ist naheliegend und ebenso klug ist es, zwei Kinder bzw. Jugendliche von den Auswirkungen der Repressionen und den Zumutungen des Alltags erzählen zu lassen. Hier wird mit leichter Hand, mit schlagfertigem Witz und Empathie Rückschau gehalten auf die für viele Familien so prägenden Jahre. Wir erhalten hier eine leicht revidierte Neuauflage des Buches von 2009 (Grenzgebiete – BP/mp 10/238); man muss feststellen, dass das Thema eines Lebens unter und nach einer Diktatur weiterhin von großer Relevanz ist. Die kurze Chronik der DDR im Anhang wird für Verständnis des politisch-historischen Hintergrunds sorgen. Janas und Lutz' Familienbiografie füllt die Informationen mit Authentizität, ohne Nostalgie, doch mit viel Gespür für die Notwendigkeit von Selbstvergewisserung.
Dominique Moldehn
rezensiert für den Borromäusverein.
Doppelte Heimat
claire Lenkova
Verlagshaus Jacoby & Stuart (2025)
[72] Seiten : farbig
fest geb.
Borromäus-Altersempfehlung: ab 10