Erinnerungen eines Vaterlandslosen
Der 80-jährige Daniel Cohn-Bendit legt seine Lebenserinnerungen vor, die ihn vor allem in den 70er-Jahren als „anti-autoritäre Autorität“ und als „Ikone des französischen Mai ‘68“ bekannt machten. Er bezeichnet sich selber als deutsch-französischer-europäischer
Jude, der 1945 inmitten der Begeisterung über das Ende des Weltkriegs und den Sieg über den Nationalsozialismus zur Welt kam. Sein Studium führte ihn nach Nanterre in eine Uni mit experimenteller und chaotischer Atmosphäre, wo er eine Anarcho-Gruppe gründete und viel provozierte. An der Uni Frankfurt war er Mitte der 60er-Jahre aktiv in der Studentenbewegung. Als die RAF aufkam, grenzte er sich klar ab: „Terrorismus ist für mich die letzte und perverseste Stufe der verschiedenen revolutionären Denkweisen“. Um wirklich was zu verändern, müsse man die Alternativbewegung verlassen und sich ins Parlament wählen lassen. Cohn-Bendit wurde bald über 20 Jahre lang talentierter Redner im Europäischen Parlament. In seiner letzten Rede rief er die Europäer auf, die Ukraine gegen Putin zu unterstützen. Er schwärmt bis heute vom vereinten Europa, das er reformieren will. – Eine tiefgründige, anregende Biografie, gerne empfohlen.
Berthold Schäffner
rezensiert für den Borromäusverein.
Erinnerungen eines Vaterlandslosen
Daniel Cohn-Bendit mit Marion van Renterghem ; aus dem Französischen von Petra Willim
Verlagshaus Jacoby & Stuart (2026)
216 Seiten
fest geb.