Gerne würdest du allen so viel sagen
Der vorliegende Sammelband geht auf ein Projekt des Berliner Pilecki-Instituts in der Coronazeit zurück, bei dem vorwiegend in Berlin beheimatete Comiczeichner:innen sich erzählerisch und zeichnerisch mit der totalitären Vergangenheit in Deutschland
und Europa auseinandersetzen sollten. So ist eine sehr eindrucksvolle Sammlung kürzerer historischer Erzählungen entstanden, die oftmals mit Recherchen in Archiven verbunden waren. Die Recherchen betreffen häufig Orte, die den Autor:innen vertraut sind, Freunde oder sogar die eigene Familie. Drei Beispiele: Katia Fouquet zeichnet die in der Familie nicht erzählte Geschichte ihres Großvaters, eines im Alter verschwiegenen Künstlers, nach, der bis 1945 ein NS-Militärrichter gewesen war. Sehr erschütternd ist die Eingangsgeschichte von Hannah Brinkmann, die den Juristen Hans Litten biografisch skizziert. Dieser versuchte, Hitler in der Spätzeit der Weimarer Jahre in einem Prozess bloßzustellen, und musste dieses Unterfangen später mit KZ-Haft und Tod bezahlen. Die bekannte Autorin Katharina Greve demaskiert das vermeintlich harmlose Miteinander Heranwachsender im Nazi-Bund Deutscher Mädels. Eine abschließende Geschichte von Anne Zimmermann ("Spannende Zeiten") spannt einen Bogen in die Corona-Gegenwart. – Ein nicht nur inhaltlich gehaltvoller Band, da er zugleich einen Einblick in die große Vielfalt grafischer Gestaltungsmöglichkeiten moderner Bilderzählungen und das kreative Schaffen von Comiczeichner:innen bietet. Breit empfohlen.
Siegfried Schmidt
rezensiert für den Borromäusverein.
Gerne würdest du allen so viel sagen
Monika Powalisz, Kai Pfeiffer (Hrsg.)
avant-verlag (2023)
319 Seiten : farbig
kt.