Der Prophet
Vor 100 Jahren erschien erstmals das kleine Bändchen "Der Prophet". Das bekannteste Werk des libanesisch-amerikanischen Autors Khalil Gibran wurde millionenfach gedruckt und hatte auch in Deutschland zeitweilig Kultstatus. Gibran erzählt die Geschichte
des Propheten Almustafa, der 12 Jahre auf ein Schiff gewartet hat, das ihn in seine Heimat zurückbringen sollte. Als er Orphalese, seinen derzeitigen Aufenthaltsort, verlassen will, bitten ihn dessen Einwohner, sich zu verschiedenen Themen der menschlichen Existenz zu äußern. 26 Thematiken, teils Alltagsdinge, teils aber auch spirituelle oder religiöse Fragen, werden dabei angesprochen, ehe der Prophet noch eine Abschiedsrede hält. – Die ebenfalls aus dem Libanon stammende französische Künstlerin Zeina Abirached hat Gibrans Texte in kleine Sequenzen zerlegt. Stets werden mehrere dieser Sprechblasen mit doppelseitigen, zweidimensional wirkenden Schwarz-Weiß-Grafiken unterlegt. Unter Verwendung teils einfacher, stark abstrahierter und häufig wiederkehrender grafischer Elemente bedient sie sich einer ausdrucksstarken Symbolik, die sowohl die orientalische Herkunft der Texte betont als auch Raum lässt für eine gedankliche Auseinandersetzung des Lesenden mit den ihm dargebotenen Texten. Obwohl manche Überlegungen inzwischen etwas fremd erscheinen mögen, "Der Prophet" bietet auch heutigen Lesenden immer noch vielfältige Anregungen zum Nachdenken über grundlegende Fragen des menschlichen Lebens und Seins. Da die kunstvollen Illustrationen das Eintauchen in Gibrans Lebensphilosophie nachhaltig fördern und unterstützen, wird diese Ausgabe breit empfohlen.
Siegfried Schmidt
rezensiert für den Borromäusverein.
Der Prophet
Zeina Abirached ; Text von Khalil Gibran ; Übersetzung aus dem Englischen von Heike Maren
avant-verlag (2024)
361 Seiten
kt.