Langer Atem
Diese Graphic Novel einer koreanischen Autorin erzählt über drei Generationen hinweg eine Familien- und Frauengeschichte: Auf der Südkorea vorgelagerten Insel Jeju tauchen traditionell viele Frauen mit einfachen Mitteln und ohne Sauerstoffflaschen
nach essbaren Meeresfrüchten: So auch Chun-ja, die Großmutter der Autorin. Als junge alleinerziehende Frau ergriff sie diese Tätigkeit als "Haenyeo" (Frau des Meeres), weil das Essen für ihre drei Kinder oft nicht reichte. In den Folgekapiteln erzählt Mun dann diese Familiengeschichte aus verschiedenen Perspektiven: Mal steht sie selbst, mal ihre Mutter im Fokus des Geschehens. Es ist ein hartes, aber auch selbstbestimmtes Leben, das die Frauen in diesem an sich wertkonservativen Land bei weitgehender Abwesenheit der Männer führten: Im Ringen um eine gute Ernte aus dem stets präsenten und gefahrvollen Meer, bei der die Angst der Kinder, dass die Mutter einmal nicht von einem Tauchgang zurückkehrt, stets präsent war. Zugleich werden die Veränderungen von Natur und Umwelt und der gesellschaftliche Wandel angesprochen. Denn für die Enkelin sind die sommerlichen Aufenthalte bei der einst hart arbeitenden Großmutter vor allem liebe Kindheitserinnerungen. Mun erzählt vor allem durch ihre sich in ruhiger Abfolge entwickelnden, manche Leerstellen belassenen, schwarz-weiß-getuschten Federzeichnungen. Diesen Bildern werden kurze Dialoge oder andere Textsequenzen nur sehr sparsam zur Seite gestellt. Angesichts einer uns doch sehr fernen und fremden Thematik wohl vor allem für große Graphic Novel-Bestände.
Siegfried Schmidt
rezensiert für den Borromäusverein.
Langer Atem
Jeong-in Mun ; aus dem Koreanischen übersetzt von Sera Kuk
Rotopol (2026)
[unpaginiert]
fest geb.