Erzählung zur Sache
In diesem Roman über die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin erzählt Stephanie Bart, wie die gesellschaftliche Atmosphäre 1972 in Deutschland war und warum sich ein junger Mensch „mit einem intakten Gewissen dazu entscheidet, die faschistische Kontinuität
der Bundesrepublik nicht hinzunehmen.“ Die Erzählhaltung ist bewusst einseitig und manchmal auch hart. Zunächst ist der Protest gegen den Vietnamkrieg der USA gewaltfrei, führt aber schnell zur Gründung der RAF. Erster Ort ist das US-Hauptquartier in Heidelberg. In vielen Details, fast wie bei einer Dokumentation, äußern sich verschiedene Beteiligte aus ihrem persönlichen Blickwinkel darüber, wie der Bombenterror in dieser Kaserne Tod und Verwüstung hinterlässt. Zwei Wochen später wird Ensslin gefasst. Allein das Kapitel „Stammheim“ umfasst 400 Seiten. Der in Sachen Klassenkampf nicht geübte Leser ist zuerst relativ hilflos, letztendlich ist der Roman aber so auf persönlicher Ebene geschrieben, dass man – wenn man wirklich will – ihre Begründung für Terrorismus g e d a n k l i c h nachvollziehen kann. Trotzdem wird der demokratisch eingestellte Leser am Ende sagen: Keine Ideologie darf unschuldige Opfer so einfach zur Seite schieben. Und auch der Rechtsstaat muss siegen! Ein bewusst sehr einseitiges Buch von Stephanie Bart (die an der Uni Hamburg Politische Wissenschaften studierte), dennoch für politisch und geschichtlich Interessierte lesenswert, um nach Jahrzehnten die zentralen Ideen der RAF nachzuvollziehen. Historisch interessierten Lesenden, die in die Gedankenwelt von Gudrun Ensslin und der RAF eintauchen wollen, empfohlen.
Berthold Schäffner
rezensiert für den Borromäusverein.
Erzählung zur Sache
Stephanie Bart
Secession Verlag (2023)
678 Seiten
fest geb.