Erbarmen

Dieser Roman zum Leben im Pflegeheim, zu den Insassen und ihrem Alltag und dem sich annähernden Ende eines langen Lebens wurde von Lídia Jorge auf Wunsch ihrer Mutter verfasst und trägt sicherlich einige autobiographische Züge. Jedes der 78 kurzen Erbarmen Kapitel registriert, was Dona Alberti akribisch zu berichten hat, sie ist die Erzählstimme, die bis zuletzt über ihr Schicksal Bescheid weiß und es innerhalb ihrer Möglichkeiten lenkt. Indem sie ihre Beobachtungen und Gedanken in Worte fasst, vermag sie Gebrechlichkeit, Furcht und Einsamkeit machtvoll zu überwinden. In ihren letzten Wochen bricht die Pandemie ein, sodass die Abgeschiedenheit vom normalen Leben noch tiefer und leidvoller empfunden wird. Überall lauern Erinnerungen an das frühere Leben, dort prägen die menschlichen Emotionen – Ärger und Wohlbefinden, Mitleid und Gleichgültigkeit, Trauer und Freude, Liebe und Eifersucht – weiterhin das Miteinander der hochbetagten Hausbewohner. Mit dem Thema des Älterwerdens überschneidet sich die Frage der Migration – die meisten Pfleger*innen sind schlechtbezahlte Arbeitskräfte mit migrantischem Hintergrund –, im Haus kreuzen sich die Wege dieser zwei gesellschaftlichen Randgruppen. Infantilisierung der einen Gruppe und Entrechtung der anderen werden durchaus kritisch beleuchtet. In den fein ironisch beschriebenen Szenen der Mahlzeiten oder der Freizeitaktivitäten, in den Auseinandersetzungen zwischen Heimleitung und Personal, schließlich in der Abschottung des Hauses aufgrund der auferlegten Quarantäne, überall spüren wir dennoch Güte, Mut und Erbarmen in den vielfältigen Beziehungen der dort Wohnenden, ja die conditio humana, das Menschliche, das uns alle betrifft. Es gelingt diesem Roman trotz des Themas Lebensende und Tod, einen heiteren, versöhnlichen Grundton durchzuhalten. Steven Uhly, selbst Schriftsteller, übersetzte mit großer Sensibilität in die deutsche Sprache. Für alle Altersgruppen und überall ist dieser berührende Roman wärmstens zu empfehlen.

Luísa Costa Hölzl

Luísa Costa Hölzl

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Erbarmen

Erbarmen

Lidia Jorge ; aus dem Portugiesischen übersetzt von Steven Uhly
Secession Verlag für Literatur (2025)

430 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 622395
ISBN 978-3-96639-119-1
9783966391191
ca. 30,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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