Freja und die Schlange
Dieses Bilderbuch ist nichts für empfindliche Gemüter, auch wenn (oder gerade weil?) es eine Lebenssituation vollkommen realistisch darstellt: Die kleine Freja spielt mit ihrer großen Schwester Julia und ihrem einjährigen Bruder draußen am Strand,
als plötzlich eine Kreuzotter zwischen den Steinen auftaucht. Die Reaktionen innerhalb der Familie auf dieses bekanntermaßen giftige Tier sind sehr unterschiedlich: während Julia die Eltern alarmiert, die berechtigterweise Gefahr für ihre Kinder befürchten, baut Freja direkt eine Beziehung zu dem in ihren Augen schönen Tier auf, indem sie die Schlange intensiv beobachtet und ihr den Namen „Otti“ gibt. Frejas Eltern hingegen fühlen sich zum Schutz ihrer Kinder zum Handeln verpflichtet. Ihr Vater informiert sich umgehend, wie man Schlangen am besten fangen und an einen anderen Ort bringen kann. Er schnitzt einen zweispitzigen Stab, mit dem er versucht, die Schlange in einem Eimer zu fangen. Doch Otti entwischt immer wieder! Schließlich platzt dem Vater der Kragen und er erschlägt die Schlange mit einem alten Ruder. Freja ist entsetzt und kann ihrem Vater diese Tat nicht verzeihen, während die übrigen Familienmitglieder erleichtert sind. Für eine Zeit lang sieht Freja in ihrem Vater nur noch den „Schlangenmörder“. Doch irgendwann spürt und versteht sie, dass ihr Papa sie liebt und sie ihn trotz allem auch immer noch... Erst auf den zweiten, tiefergehenden Blick entpuppt sich dieses Buch als eine sehr gefühlvolle Geschichte über die Schwierigkeit, Entscheidungen zu fällen, auch wenn sie sich nicht immer für alle Beteiligten richtig anfühlen, und über die Stärke von Bereuen, Vergeben und Verzeihen. Die Bilder und Texte erzählen überraschend klar, ohne Auslassungen oder Beschönigungen, und wirken deshalb besonders intensiv. Ein bemerkenswertes Bilderbuch, das aus der Reihe fällt und zum Nachdenken anregt.
Elisabeth Brendel
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Freja und die Schlange
Fredrik Sonck ; Illustration: Jenny Lucander
Carl-Auer Kids (2026)
[32] Seiten : farbig
fest geb.
Borromäus-Altersempfehlung: ab 3