Meine langen Nächte

Das Buchcover zeigt eine Krankenschwester ohne Gesicht, deren Tracht in der Hintergrundfarbe des Einbands, ein ins Beige changierendes Hellbraun, aufgeht und nur durch eine weiße Schürze und Haube konturiert ist. Mit dieser Darstellung werden alle Meine langen Nächte Elemente des Romans kongenial ins Optische übertragen: Anna Alrutz, Jahrgang 1907, die sich selbst als durchschnittliches Mädchen empfindet, ist vom Nationalsozialismus so tief überzeugt, dass sie eine Ausbildung zur "braunen Schwester" absolviert, einem der NSDAP nahestehenden Schwesternverband. Als solche arbeitet sie in der Frauenklinik Göttingen und ist wesentlich an der Zwangssterilisierung vermeintlich "erbkranker" Frauen beteiligt. Erzählt wird die Geschichte aus der Ich-Perspektive der Hauptfigur, die, als Strafe für ihre Sympathie mit dem Nationalsozialismus, nach ihrem Tod dazu verdammt ist, als Gespenst in der Klinik umzugehen und ihr eigenes Schicksal - dieses Mal aus kritischer Reflexionsdistanz - erneut zu erleben. Der Roman, in Italien 2014 erschienen und mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet, ist kunstvoll gebaut und, trotz des bedrückenden Themas, ein unerwartet poetisches Buch. Gerne werden es alle diejenigen lesen, die sich auch für eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte interessieren, das hier im Bezugsrahmen der griechischen Tragödie erzählt wird.

Antonie Magen

Antonie Magen

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Meine langen Nächte

Meine langen Nächte

Ilva Fabiani ; aus dem Italienischen von Birgit Ulmer
Steidl (2023)

269 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 752241
ISBN 978-3-96999-198-5
9783969991985
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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