Die Wölfe von Greifswald
Die dreiköpfige Familie König im nordostdeutschen Greifswald führt ein durchschnittlich solides, auskömmliches Leben. Vater Tobias ist IT-Techniker bei einem größeren Unternehmen, die Mutter Aslaug, auch Mor genannt, arbeitet im örtlichen Theater
u.a. als Kostümbildnerin. Die Tochter Barn, auch Aslaug nach einem alten nordischen Namen, genannt, besucht das Gymnasium, ist eine aufgeweckte, sportliche Schülerin. Eines Tages kommt sie aufgewühlt, tränenüberströmt und verbittert nach Hause. Es gibt Ärger mit einer Mädchengruppe in der Klasse, die Aslaug schon eine ganze Weile verhöhnt. Aslaug ist intelligenter, ehrgeiziger, in jeder Hinsicht anders als der Durchschnitt. Das ärgert eine Clique mit einer Anführerin und deren Gefolge. Die Mutter lässt sich das alles erklären und offenbart, dass die Tochter und auch der Ehemann die Geschichte der Vorfahren kennenlernen sollen. In den folgenden Monaten erzählt sie den beiden immer wieder abschnittsweise von den Ahnen, Urahnen, bei denen immer die weiblichen Vertreterinnen eine maßgebliche Rolle spielten. Und es läuft letztlich darauf hinaus, dass sie besonderes leisten. In diesen Ahnengeschichten spielen immer wieder Wölfe eine Rolle, Wölfe, die in ihrem Rudel Leittiere waren und für das Überleben sorgten. Die junge Aslaug wird von verstörenden Träumen heimgesucht; sie identifiziert sich irgendwie mit den Tieren. Das geht so weit, dass sie sich heimlich, zum großen Ärger ihrer Mutter, ein Wolfstatoo auf den Rücken tätowieren lässt. Sie akzeptiert die Besonderheit ihres Naturells, sie lernt mit speziellen Situationen besser, gefasster umzugehen. Sogar mit den Feindinnen an der Schule gibt es eine Aussöhnung. Vater Tobias hatte parallel seinen Stammbaum erforscht und ist dabei auf jüdische Vorfahren gestoßen: Bei einem Familientreffen in Berlin werden viele bekannte und unbekannte, verstörende und auch nicht erklärbare Abläufe in der Vergangenheit thematisiert. – Dieser Roman ist eine Mischung aus Märchen, Mythos und Sagen. Nordische Götter, Odin mit Gefolge, Nornen, Walküren tummeln sich in den Erzählungen der Mutter. Es werden Anleihen bei Autoren wie Tolkien, Martin gemacht. Im Aufbau des Romans wird an Gaarders "Sofies Welt" erinnert. Die oftmals schockierenden Abläufe irritieren das Mädchen, und sicher auch die Leserschaft immer wieder. Dass sich für Familie König, vor allem die Tochter, trotz der verstörenden Vorfahrengeschichten alles zum Besten richtet, ist ein gedeihliches Ende einer schon etwas absonderlichen Geschichte. Die Autorin möchte mit ihrem Buch Jugendliche und Erwachsenen gleichermaßen ansprechen.
Erwin Wieser
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die Wölfe von Greifswald
Angelika Hirsch
Spica (2025)
410 Seiten
fest geb.