Wajdi
Die eigenen Kinder sind erwachsen, die finanziellen Verhältnisse sehr gut, da beschließt das Ehepaar Gaëlle und Romain, einen Waisenjungen aus dem Jemen zu adoptieren. Nachdem behördliche Hürden überwunden sind, kommt Wajdi ins Haus der Familie,
bezieht ein großzügig eingerichtetes Zimmer – und verhält sich gar nicht wie eine dankbare Bilderbuch-Waise. Über fünf Jahre seines Lebens hat er Krieg, Gewalt, Verlust seiner Eltern und Flucht erlebt. Seinen Adoptiveltern ist zunächst nicht klar, dass er diese Erlebnisse nicht einfach abschütteln kann. Missverständnisse und Frustration auf beiden Seiten führen dazu, dass Gaëlle die Adoption zurückziehen will. Doch da ist Wajdi verschwunden und Gaëlle und Romain merken, wie sehr ihnen der Junge ans Herz gewachsen ist. Sie beginnen eine fieberhaft Suche. Wajdi hat inzwischen auf einem Spielplatz Unterschlupf gefunden, wird vom Besitzer einer Imbissbude versorgt und findet Freundschaft bei einigen Obdachlosen. Durch die eindrucksvolle Grafik können die Leser:innen sowohl die Nöte des kleinen Jungen als auch die Erkenntnisse der Adoptiveltern begleiten, dass Liebe an vielen Stellen zu finden ist, aber nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Die Wandlung des kleinen Wajdi vom schwer traumatisierten Kriegsflüchtling zum Sohn einer wohlhabenden Familie ist sicher zu einfach und plakativ dargestellt. Sie zeigt aber zumindest den Schlüssel zum Lösen solcher Konflikte – Liebe, Verständnis und Akzeptanz des anderen. Außerdem zeigt der Autor ironisch durch stereotyp gestaltetes Verhalten einiger Nebenrollen ein paar gesellschaftliche Auswüchse im Mediengebrauch. Der Band ist unabhängig von den Vorgängern (BP/mp 18/432, 958) lesbar.
Lotte Schüler
rezensiert für den Borromäusverein.
Wajdi
Szenario: Zidrou ; Zeichnungen: Arno Monin ; aus dem Französischen von Tanja Krämling
Splitter (2024)
Die Adoption ; 3
139 Seiten : farbig
fest geb.