Kleiner Regen
Im Covid-Sommer erleidet der Ich-Erzähler einen Aortenriss mit großen Schmerzen. Während die Ärzte versuchen, die Ursache herauszufinden, denkt er über seine lebensbedrohliche Situation nach: "Der Schmerz vereinnahmte mich, wurde zu einer Art
Umgebung, zu dem Medium, in dem ich existierte, ich war weder ungeduldig noch gelangweilt; meinen Körper auf diese Weise zu erfahren war so faszinierend wie furchtbar." Es fallen ihm Gedichte ein wie Rückerts Lied "Ich bin der Welt abhandengekommen", er denkt nach über die Verlangsamung, der er während seines Klinik-Aufenthalts ausgesetzt ist: Wie die Zeit im Krankenhaus ihre Bedeutung verliert, wie sie es ihm ermöglicht, das eigene Leben in den Blick zu nehmen. So z.B. die aufreibende Sanierung des Hauses, das er sich mit seinem Partner gekauft hat, beider Versuch, sich ein gemeinsames Zuhause zu errichten. Oder seine Bemühungen, Schüler:innen die Begeisterung für ein Gedicht zu vermitteln. Oder Gedanken über das schlechte amerikanische Gesundheitssystem. Oder die Scham, die ihm sein Körper und sein queeres Begehren lange bereitete und mit der er sich im Krankenhaus erneut konfrontiert sieht. Es ist ein Bericht darüber, wie sich ein Mensch, für den Literatur und Kunst etwas Rettendes beinhalten, in einer extremen Situation verhält. In faszinierenden melodiösen Endlossätzen, die sich manchmal über eine halbe Seite erstrecken, ist der Roman eben kein Krankheitsbericht, sondern eine Hymne auf das Leben. Eine großartige Neuerscheinung für Liebhaber:innen von Sprache und Literatur, die sich nicht am kleinen Druck stören.
Ileana Beckmann
rezensiert für den Borromäusverein.
Kleiner Regen
Garth Greenwell ; aus dem Amerikanischen von Milena Adam
park x ullstein (2026)
356 Seiten
fest geb.