Tata

Die erfolgreiche Regisseurin Agnès ist Ende 30, ihre Musikereltern sind verstorben, ihr Mann hat sie verlassen, ihre wichtigste Beziehungsperson Colette ist vor drei Jahren verstorben, nur ihre Tochter Ana lebt noch bei ihr in Paris. Da erreicht sie Tata der Anruf, dass die verstorben geglaubte Colette, ihre Tata, die als Schuhmacherin in einer Kleinstadt in Burgund lebt, „nochmals“ verstorben ist und ihr vor allem 118 Tonkassetten hinterlassen hat. Das Abhören dieser Dokumente und weitere Erkundigungen eröffnen Agnès ihre wirkliche Herkunft als Tochter von Blanche, der besten Freundin Colettes. Blanche war von ihrem Vater, einem gewalttätigen Zirkusbesitzer, fast ein Leben lang, bis auf eine nächtliche Begegnung mit Agnès‘ Vater, unter erbärmlichen Verhältnissen „gehalten“ worden. Zu Colette rettet sich Blanche nicht nur vor der Geburt der Tochter Agnès, sondern auch, um ihrem Vater endgültig zu entkommen. Und Colette, die durch die liebevolle Zuneigung ihres Lehrmeisters und späteren Adoptivvaters Mokhtar die gute Seite des Lebens kennenlernte, gibt Blanche ihre Identität. Durch die Verbundenheit mit Ärzten in der Kleinstadt kann Colette bei der Geburt von Agnès wie auch bei Blanches Tod die nötigen Dokumente beschaffen. Agnès‘ Nachforschungen decken neben dem großartigen und zugewandten Freundeskreis ihrer Tata auch den sexuellen Missbrauch und dessen Folgen im Fußballverein der Kleinstadt auf. Die Spuren in die Vergangenheit bezeugen auch die Judenverfolgung der Deutschen im Burgund der 1940er Jahren sowie die Verwobenheit zwischen Reich und Arm im Nachkriegsfrankreich. – Die durch mehrere Romane preisgekrönte französische Autorin brilliert ein weiteres Mal. Ihr gelingt eine lebendige, alltagsnahe Mischung aus Lebensberichten, Zeitgeschichte, menschlicher Nähe und Zuneigung, Reflexion wie auch Blicken in die grausamen Seiten des Seins. Unbedingt empfehlenswert für alle Bestände.

Rolf Pitsch

Rolf Pitsch

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Tata

Tata

Valérie Perrin ; aus dem Französischen von Hanne Reinhardt
GUTKiND (2026)

622 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 625647
ISBN 978-3-98941-120-3
9783989411203
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
Diesen Titel bei der ekz kaufen.